Dr. Bernhard Biber

Einmal im Monat beantwortet Dr. Bernhard Biber aktuelle Fragen und macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit eines Projektmanagers nicht immer nur ein Zuckerschlecken ist.

Unser aktuelles Thema:

Was tun, wenn ich nicht hinter meinem Projekt stehen kann?

In meinem Unternehmen werden nur sinnlose Projekte durchgeführt. Gerade jetzt wieder: Die Ziele für mein aktuelles Projekt sind absolut utopisch! Es wird niemals erfolgreich abgeschlossen werden, völlig unrealistisch! Das demotiviert schon von Beginn an.

Dr. Biber antwortet:

Tja, offenbar schätzen das Management und Sie die Erfolgswahrscheinlichkeit oder auch die Wichtigkeit des Projektes komplett unterschiedlich ein. Nun, das kann viele Gründe haben.

Zum Beispiel kann es sein – und das ist nicht böse gemeint – dass Sie die wirtschaftliche Lage des Unternehmens bzw. die Unternehmensstrategie nicht richtig kennen oder verstehen. Zum Teil wird es Gedanken geben, die bewusst niemandem mitgeteilt werden, da sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht öffentlich im Unternehmen diskutiert werden sollen, z.B. aus Geheimhaltung anderen Unternehmen gegenüber.

Das heißt: Sie haben oft nicht die vollständigen Informationen zu diesen Themen. Dieser Fall ist gar nicht so selten.

Der umgekehrte Fall kommt natürlich ebenfalls sehr häufig vor: Nämlich dass das Management so weit von den eigentlichen zu erwartenden Problemen im Projekt entfernt ist, dass es diese wirklich falsch einschätzt. Und so die Ziele zu hoch oder falsch gesteckt hat. Sollte diese der Fall sein und es ist nicht nur Ihre Meinung, sondern auch die von anderen kompetenten Mitarbeiten, dann sollten Sie das auf jeden Fall formulieren und mitteilen. Dann muss das eben zu Beginn im Rahmen der Auftragsklärung deutlich gemacht werden. So können Sie sich später nicht vorwerfen lassen, Sie hätten zu den Punkten nicht gewarnt. Vielleicht kann man die Punkte ja noch in einem erweiterten Gremium zur Diskussion stellen, so dass sich noch unkonventionelle Lösungsansätze ergeben können.

Das ist es doch eben! Die dort oben haben doch gar keine Ahnung von den eigentlichen Herausforderungen im Projekt! Und haben deswegen total unrealistische und utopische Vorstellungen.

Wie gesagt: Dann kann man nichts anderes tun als warnen und andere mit ins Boot holen.

Aber auf der anderen Seite kenne ich aus meiner persönlichen Erfahrung als Projektauftraggeber auch Beispiele, in denen gerade diese utopischen Ziele zum Erfolg geführt haben:

Da hörte ich immer wieder die gleichen Aussagen: „Das geht nicht aus den und den Gründen, das schaffen wir nie.“ Der Projektleiter ist nur widerwillig gestartet, und es hat mich viel Kraft und Mühe gekostet, dass er das Projekt durchzieht. Zum Schluss war besagter Projektleiter fast erschrocken, dass es eben doch funktioniert hat. Zwar wurden die ambitionierten Ziele nicht 100% erreicht, aber das Unternehmen wurde trotzdem einen großen Schritt vorangebracht.

Und was ist mit anderen Projekten? Die, deren Nutzen überhaupt niemand versteht, und die dem Unternehmen wirtschaftlich nichts bringen? Wir haben gerade wieder das neueste Umstrukturierungsprojekt. Geld- und Ressourcenverschwendung. Es fällt schwer, sich für so eine Aufgabe zu motivieren.

So blöd es ist: Zähne zusammenbeißen und durch.

Natürlich kann man es noch einmal zur Diskussion stellen. Oftmals ist dem Management ja bekannt, dass bestimmte Verwaltungsprojekte nur einen geringen wirtschaftlichen Nutzen nach sich ziehen. Trotzdem werden sie häufig als notwendig erachtet, und können ja langfristig durchaus Vorteile bringen.

Da verweise ich wieder auf oben: Von Beginn an warnen und gern auch bewusst die provokante Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen stellen. Mal nachfragen, woran der Projekterfolg denn gemessen werden soll.

Ich glaube kaum, dass ich darauf eine Antwort bekomme. Ich habe das Projekt ja auch ohne Diskussion aufgedrückt bekommen.

Ja, irgendwann kann man nur sagen: Dann sind Sie eben doch in der Rolle des bezahlten Söldners, auch wenn das wenig befriedigend scheint.

Aber man kann auch hier was Positives rausziehen: Vielleicht können Sie das Projekt ja so gestalten, dass die Projektziele mit minimalem Ressourceneinsatz erreicht werden. Sozusagen eine persönliche Herausforderung, die dem Unternehmen als Ganzes gut tut. Dafür wird sich fast jeder im Unternehmen bedanken, der den Sinn des Projektes ebenfalls in Frage stellt.