Wenn das Projekt zu groß für mich scheint

Dr. Bernhard Biber

Einmal im Monat beantwortet Dr. Bernhard Biber aktuelle Fragen und macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit eines Projektmanagers nicht immer nur ein Zuckerschlecken ist.

Unser aktuelles Thema:

Wenn das Projekt zu groß für mich scheint

Meine Kollegin ist Projektmanagerin in unserem Unternehmen. Vor kurzem hat sie die Verantwortung für ein strategisch wichtiges und groß angelegtes Projekt übertragen bekommen. Nun hat sie das Gefühl, dem überhaupt nicht gewachsen zu sein. Was kann man ihr raten?

Dr. Biber antwortet:

Nun ja… wenn ich mir zunächst einmal die Statistik in meinem Umfeld anschaue, dann gibt es wesentlich mehr Fälle von Selbstunterschätzung als Selbstüberschätzung. Vielleicht haben wir es auch hier mal wieder wie so häufig mit einer Selbstunterschätzung zu tun.

Es klingt so, als wäre die Kollegin nicht sehr erfahren? Da kann man doch mal die Frage stellen, ob es nicht einen erfahrenen Kollegen gibt, der an ihrer Seite stehen kann? Eine Art Mentor? Es muss gar nicht immer eine offizielle Ernennung zum Mentor geben. Manchmal kann man sich auch einfach in seinem Umfeld umschauen, und sich seinen Mentor einfach aussuchen und ihn nutzen – ganz ohne Formalien.

Oder geht es weniger um den Erfahrungsaspekt, sondern viel mehr um die tatsächliche Workload? Dann hilft manchmal auch eine Projektassistenz, die beim Erledigen der Formalitäten hilft, so dass sich auf die inhaltlichen Themen konzentriert werden kann.

Je nach Unternehmenskultur kann man ruhig offiziell nach Unterstützung fragen – oder auch einfach darauf zugreifen. Und dabei muss die Hilfe gar nicht weit weg sein: Vielleicht ist sie ja sogar schon im Projektteam vorhanden?

 Ich glaube nicht, dass es in unserem Unternehmen solche Unterstützungen gibt.

Einer der größten Anfängerfehler ist es ja, alles selbst machen zu wollen. Projektmitarbeiter können durchaus auch in die Verwaltung eines Projektes mit einbezogen werden! Auch bei Entscheidungen kann man durchaus Meinungen einholen. Das stärkt die eigene Meinung und wirkt auch positiv auf das Team.

Externe Berater machen es doch auch nicht anders: Häufig haben sie keine Ahnung von fachlichen Themen. Gute Berater agieren aber so geschickt, dass die vorhandenen Kompetenzen so genutzt werden, dass die Dinge trotzdem gut laufen. In so eine Rolle sollte sich auch ein Projektleiter ab und zu begeben.

Ich glaube, es steckt auch die Angst dahinter, eine falsche Entscheidung zu treffen, weil das Projekt so groß und komplex ist.

Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Falsche Entscheidungen gehören zum Alltag eines Projektmanagers, genauso wie die richtigen. Revidieren und Zurückrudern sind durchaus auch möglich. Entscheidungen, die man für zu groß hält, gehören ohnehin in den Lenkungskreis – der Projektmanager muss nicht alle Verantwortung allein tragen! Seine Aufgabe ist es zunächst einmal, die Themen voranzutreiben.

Wenn so ein kritischer Entscheidungspunkt erreicht wird: Zeigen Sie die Optionen mit ihren Vor- und Nachteilen auf und geben Sie eine Einschätzung ab. Die Entscheidung liegt dann beim Management.

Natürlich gilt es hier, die richtige Balance zu finden. Das Mittel der Delegation sollte natürlich nur dann eingesetzt werden, wenn es auch wirklich nötig ist.

Nach meiner Erfahrung sind Projekte, die etwas größer sind als das, was man sich zutraut, eine ganz tolle Sache, um an ihnen zu wachsen.

Andrea Windolph ist als freiberufliche Autorin und Trainerin tätig, konzipiert Online-Trainings und unterstützt Unternehmen bei der Planung und Umsetzung von Projekten. Seit 2014 betreibt sie das Portal „Projekte leicht gemacht“, auf dem sie PM-Wissen vermittelt, das sowohl fundiert als auch leicht verständlich ist.
Andrea Windolph ist studierte Betriebswirtin und verfügt über langjährige Erfahrung in der IT-Branche und der Software-Entwicklung.
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