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False Equivalence im Projekt: Vorsicht vor falschen Gleichsetzungen

Für Eilige: Alles Wichtige auf einen Blick

Was ist False Equivalence?
Eine Denkfalle, bei der zwei Dinge aufgrund einer Gemeinsamkeit als gleichwertig behandelt werden, obwohl entscheidende Unterschiede bestehen.
Warum ist das Thema wichtig?
Im Projekt vergleichen, bewerten und priorisieren wir ständig. Falsche Gleichsetzungen können dazu führen, dass Wichtiges und weniger Wichtiges plötzlich dasselbe Gewicht bekommen.
Die wichtigsten Learnings:
➜ Gemeinsamkeit führt nicht automatisch zu Gleichwertigkeit.
➜ Unterschiede sind oft ausschlaggebend für gute Entscheidungen.
➜ PM-Methoden zwingen ganz bewusst zur Differenzierung.

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Beispiele
Checkliste

Zwei Tage Verzug beim Festlegen der Design-Freigabe, zwei Tage Verzug beim Serverumzug – beides steht rot im Statusbericht und kommt damit ganz nach oben auf die Prio-Liste. Drei Wochen später steht das Projekt still: Der verspätete Serverumzug hat fünf andere Arbeitspakete blockiert, die Design-Freigabe interessiert momentan niemanden.

Was ist passiert? Es gab zwei Verzögerungen, beide hatten die gleiche Farbe im Report, aber eine komplett unterschiedliche Aussagekraft – und es gab einen Denkfehler, der jeden von uns treffen kann.

Was ist False Equivalence?

False Equivalence (auch: False Similarity) tritt immer dann auf, wenn zwei Dinge tatsächlich eine Gemeinsamkeit besitzen. Daraus wird jedoch eine unzulässige Gleichwertigkeit konstruiert, obwohl wichtige Unterschiede bestehen.

Die folgenden Beispiele sind dem Wikipedia-Artikel zum Thema entnommen und können etwas ausführlicher dort nachgelesen werden:

Beispiele:

Ölfleck vs. Ölkatastrophe: Ein halber Liter Öl auf der Straße und eine riesige Ölpest sind beides „ausgelaufenes Öl“ – wegen des völlig unterschiedlichen Ausmaßes aber kaum vergleichbar.
Hauskatze vs. Jaguar: Beide sind Katzen – daraus folgt trotzdem nicht, dass ein Jaguar genauso gut als Haustier geeignet ist.
Cannabis vs. Heroin: Beide können mit späterer Abhängigkeit in Verbindung gebracht werden – die Wahrscheinlichkeit und das Risiko unterscheiden sich jedoch erheblich.

A und B haben Gemeinsamkeit X → deshalb werden A und B als gleichwertig behandelt → relevante Unterschiede Y und Z verschwinden.
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Übrigens: Falsche Gleichsetzungen begegnen uns besonders häufig im Journalismus und in der Politik – etwa wenn die Fehler zweier Politiker miteinander verglichen werden, obwohl sie völlig unterschiedlicher Art oder Tragweite sind. Eng verwandt damit ist Whataboutism: Statt auf einen Vorwurf einzugehen, wird mit „Aber was ist mit …?“ auf das Fehlverhalten einer anderen Person oder Gruppe verwiesen, als würde das eine das andere relativieren.

Learning
Nur weil zwei Dinge etwas gemeinsam haben, sind sie noch lange nicht gleichwertig. Achte bei Vergleichen deshalb besonders auf die Unterschiede, denn genau dort steckt oft die Information, die für eine sinnvolle Bewertung entscheidend ist.

Warum Projekte besonders anfällig sind

Es liegt nahe, komplexe Sachverhalte auf eine einfache Gemeinsamkeit zu reduzieren: Zwei Anforderungen sind „wichtig“, zwei Risiken „kritisch“ oder zwei Lösungsvarianten „machbar“.
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Projekte sind dummerweise ein ziemlich guter Nährboden für False Equivalence:

  • Hoher Entscheidungsdruck im Projektalltag: Projektmanager müssen ständig vergleichen, bewerten und priorisieren – oft unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und vielen unterschiedlichen Interessen. Wer Stress hat, übersieht schnell mal Details.
  • Vereinfachung komplexer Sachverhalte: Um handlungsfähig zu bleiben, werden Unterschiede häufig reduziert und Dinge über eine gemeinsame Eigenschaft gleichgesetzt (z. B. „beides ist wichtig“ oder „beides ist ein Risiko“).
  • Gefahr der falschen Gleichwertigkeit: Eine gemeinsame Kategorie bedeutet nicht, dass Dinge gleich relevant sind, zum Beispiel wenn eine gesetzliche Anforderung deutlich wichtiger ist als ein Nice-to-have-Feature oder Risiken stark in Wahrscheinlichkeit und Auswirkung variieren.
  • Trügerisches Gefühl von Fairness: Gleichbehandlung wirkt neutral und gerecht, besonders in Konflikten oder bei konkurrierenden Interessen. Das führt aber dazu, dass wichtige Unterschiede ausgeblendet werden.

Wer im hektischen Projektalltag wenig Raum für Einzelfallanalyse hat, greift auf schnelle Rückschlüsse und Analogien zurück („Das kennen wir schon“ oder „Das ist doch wie letztes Mal“) statt auf die möglichen Unterschiede zu schauen. Die Auswirkungen können erheblich sein: Die Prioritäten verwässern, Ressourcen werden an falschen Stellen eingesetzt und Entscheidungen berücksichtigen wichtige Unterschiede nicht ausreichend.

Im ungünstigsten Fall behandelt das Projekt Nebensächliches wie Kritisches, und wirklich relevante Themen bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
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Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Was haben diese beiden Dinge gemeinsam?“, sondern auch: „Welche Unterschiede sind für meine Entscheidung relevant?“

Moooooment … sind dann Lessons Learned irrelevant?

Ganz im Gegenteil! Lessons Learned sind wertvoll – solange du sie nicht blind überträgst. Nutze Erfahrungen aus früheren Projekten als Ausgangspunkt und prüfe anschließend: Was ist diesmal ähnlich, was ist anders, und welche dieser Unterschiede könnten meine Planung oder Entscheidung beeinflussen?

Learning
Projekte verlangen ständig schnelle Vergleiche und Entscheidungen, weshalb relevante Unterschiede gern mal unter den Tisch fallen. Frage dich bei vermeintlich ähnlichen Anforderungen, Risiken oder Optionen deshalb bewusst: Was unterscheidet sie – und ist genau dieser Unterschied für meine Entscheidung wichtig?

Typische Beispiele aus dem Projektumfeld

Beispiel

Der Rollout eines CRM-Systems in Land A war in 6 Monaten erfolgreich, also „sollte“ der Rollout in Land B genauso lange dauern. Beide Projekte haben schließlich gemeinsame Merkmale: Es handelt sich um das gleiche System, ein ähnliches Budget und den gleichen Projekttyp – „Das haben wir doch letztes Jahr auch so gemacht“.

Beim Aufsetzen des zweiten Projekts werden allerdings wichtige Unterschiede nicht berücksichtigt: In Land B gibt es schärfere regulatorische Anforderungen, die Reife der IT-Infrastruktur ist weniger stark ausgeprägt und es gibt größere Barrieren bei Sprache und Kultur. Das hat Konsequenzen: Es werden Learnings 1:1 übertragen und die Zeitplanung stellt sich nachträglich als unrealistisch heraus.

Auch die folgenden Beispiele zeigen, wie durch Vereinfachen vorschnell Aspekte in die gleiche Schublade gesteckt werden, ohne die Unterschiede zu berücksichtigen:

ProjektsituationVerführerische GleichsetzungWas bei genauerem Hinsehen erkennbar ist
Anforderungen„Beides sind wichtige Anforderungen.“Ja, aber beide sind unterschiedlich aufwändig, nützlich und dringend.
Risiken„Beides kann den Termin gefährden.“Ja, aber Wahrscheinlichkeit und Schadenshöhe können komplett unterschiedlich sein.
Stakeholder„Beide sind vom Projekt betroffen.“Ja, aber beide haben einen unterschiedlichen Einfluss auf das Projekt.
Konflikte„Beide Seiten haben Fehler gemacht.“Ja, aber die Ausmaße der Fehler spielen in einer ganz anderen Größenordnung.
Lösungsoptionen„Beide Varianten haben Vor- und Nachteile.“Ja, aber die Vor- und Nachteile wiegen unterschiedlich schwer und sind unterschiedlich relevant.

Moooooment … genau dafür haben wir doch PM-Methoden!

Stimmt! Niemand würde ernsthaft behaupten, dass beispielsweise zwei Risiken gleich wichtig sind, nur weil beides Risiken sind. Viele PM-Methoden sind sogar ausdrücklich dafür da, diese Unterschiede sichtbar zu machen.

False Equivalence wird deshalb vor allem dort interessant, wo diese Differenzierung nicht sauber stattfindet: bei schnellen Entscheidungen, bei politischen Abwägungen oder überall dort, wo Kriterien nicht eindeutig sind. Dann klingt „Beides ist wichtig“ oder „Beide Seiten haben gute Argumente“ schnell plausibel, obwohl für die konkrete Entscheidung entscheidende Unterschiede nicht betrachtet werden.

Betrachte False Equivalence daher als ein Warnsignal für Situationen, in denen nicht sauber bewertet wird: Wann immer du Dinge vergleichst, frag dich kurz: Nach welchen Kriterien gewichte ich gerade gleich bzw. unterschiedlich?

Der praktische False-Equivalence-Check

Wann immer du Dinge „mal eben“ miteinander vergleichst, stell dir folgende Fragen:

False-Equivalence-Check

❓ Was genau haben A und B tatsächlich gemeinsam?
❓Welche relevanten Unterschiede gibt es?
❓Sind diese Unterschiede für unsere Entscheidung wichtig?
❓Würde ich anders entscheiden, wenn ich diese Unterschiede ausdrücklich berücksichtige?

Bedenke immer: Gemeinsamkeiten machen nicht zwingend gleichwertig. Suche also auch nach Unterschieden, bewerte deren Relevanz und gewichte erst danach.

Fazit

False Equivalence ist keine komplizierte Denkfalle, im Projekt ist sie sogar oft recht offensichtlich. Spannend wird es immer dann, wenn Unterschiede weniger deutlich sind und schnelle Vergleiche plausibel klingen. Du musst deshalb weder Lessons Learned über Bord werfen noch jeden Vergleich bis ins letzte Detail analysieren. Nimm False Equivalence einfach als kleines Warnsignal gegen vorschnelles Schubladendenken: Ähnlichkeiten helfen bei der Orientierung – gute Entscheidungen entstehen aber oft durch den Blick auf die Unterschiede.

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