Im letzten Artikel haben wir einen bunten Blumenstrauß von Methodiken für Projekte vorgestellt. So weit, so gut! Aber welche ist denn nun die richtige für das eigene Projekt? Genau dieser Frage gehen wir heute auf den Grund.

Den einzig perfekten Ansatz gibt es nicht

Vermutlich hast du diese Antwort bereits erwartet: Es gibt nicht den perfekten Ansatz für alle Projekte. Was für die Organisation der Weihnachtsfeier funktioniert, treibt einen Software-Entwickler womöglich in den Wahnsinn. Statt einer eindeutigen Antwort hängt die Wahl des passenden Ansatz es von der Branche, der Problemstellung, dem Team und (nicht ganz unwichtig) persönlichen Vorlieben ab. 

Folgende Fragen können für eine erste Auswahl helfen:

  • Bestehen in meinem Projekt viele Unwägbarkeiten oder ist alles verhältnismäßig vorhersehbar? 
  • Arbeite ich in einer flexiblen und dynamischen Umgebung oder sind strenge Prozesse definiert?
  • Werden Risiken bewusst eingegangen oder ist hohe Sicherheit gefragt?
  • Darf sich der Projektinhalt ändern und entwickeln, oder sind bereits zu Beginn ganz klare Anforderungen an das Ergebnis vorhanden?
  • Arbeiten meine Kunden mit einer Methodik, die ich ebenfalls anwenden sollte?

Hast du eine erste Orientierung? Gut! Falls du noch ein wenig konkretere Anhaltspunkte haben möchtest, dann hilft dir das Framework im nächsten Abschnitt:

Das Cynefin-Framework als Hilfsmittel

Das Cynefin-Framework teilt Situationen und Vorhaben in vier Kategorien ein und hilft dabei, den richtigen Projektmanagement-Ansatz zu finden. Es wurde 1999 vom Waliser Dave Snowden vorgestellt. 

Cynefin-Framework zur Auswahl des passenden Projektmanagement-Ansatzes

Die Komplex-Domäne

MerkmalePraktische Ansätze
Viele Unbekannte
Zu Beginn keine klaren Antworten auf wichtige Fragen
Es existieren viele Ideen
Kreative Ansätze sind gefragt
Sehr sensibel für Änderungen
Experimentelles Arbeiten bringt Antworten
Die richtige Lösung wird oft erst spät im Projekt gefunden
Erkunden
Änderungen annehmen
In kurzen Iterationen arbeiten
An das Problem herantasten

Typische Beispiele sind Projekte zur Produktentwicklung, Software-Entwicklung oder innovative Technologieprojekte. Agile Ansätze wie Scrum eignen sich besonders gut für diese Art von Vorhaben.

Die Kompliziert-Domäne

MerkmalePraktische Ansätze
Klares Ziel, aber unterschiedliche Wege zur Erreichung sind möglich
Ursache und Wirkung sind vorhanden, aber nicht für jeden offensichtlich
Zwischen Ursache und Wirkung stehen Analysen und/oder die Anwendung von Fachwissen
Es gibt mehrere richtige Antworten
Expertenwissen einsetzen
Prozesse etablieren

Typische Beispiele sind reguläre Wartungsprozesse oder Support-Projekte, ebenso wie Optimierungsprojekte. Ansätze wie Six Sigma sind für diese Art von Projekten geeignet.

Die Chaotisch-Domäne

MerkmalePraktische Ansätze
Ziele und Wege sind nicht bekannt
Schnelles Handeln ist gefragt – die Untersuchung der Auswirkungen geschieht danach
Viele Entscheidungen gefordert
Viele Turbulenzen
Keine klaren/einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge vorhanden/sichtbar
Starke Führung und Entscheider gefragt
Nicht die perfekte Antwort suchen, sondern mit den bestehenden Möglichkeiten agieren

Typische Beispiele sind akute Krisen, z.B. nach Katastrophen, dem Ausfall einer Kerntechnologie oder Software-Defekten, die schnelles Handeln erfordern. Für Probleme dieser Art gibt es selten vordefinierte Prozesse, stattdessen sind starke und mutige Führungskräfte gefragt.

Die Simpel-Domäne (auch: Offensichtlich)

MerkmalePraktische Ansätze:
Ziele und Weg sind klar definiert
Etabliertes und bekanntes Vorgehen führt zum Ziel (Best Practices)
Voraussehbar nur wenige Änderungen im Prozess
Klare Beziehungen von Ursache und Wirkung
Vorhersehbare Ergebnisse
Robuste Prozesse sollten etabliert sein
Regelmäßige Prüfungen auf Abweichungen
Vorsicht vor zu viel Selbstzufriedenheit!

Typische Beispiele sind ProduktImplementierungen beim Kunden, bei denen auf gut verstandene Standardkomponenten zurückgegriffen wird, oder die Organisation immer wieder ähnlich verlaufender Veranstaltungen. Statt agiler Methoden sind hier bewährte Prozesse mit klaren Abläufen gefragt.

Die Disorder-Domäne

Kann die aktuelle Situation nicht eingeschätzt werden, fällt sie in diese Kategorie. Die Gefahr ist in diesem Fall groß, einen ungünstigen oder gar ungeeigneten Managementansatz zu wählen. Daher solltest du versuchen, diese Domäne schnellstmöglich zu verlassen. Oft ist es ratsam, im Vorfeld zunächst noch weitere Informationen zu sammeln. Oder aber das Vorhaben kann in Unterprobleme unterteilt werden und für jedes einzelne dieser Unterprobleme gibt es einen klar geeigneten Ansatz.

Klassisch vs. Agil: Eine kleine Gegenüberstellung

Mit Hilfe des Cynefin-Frameworks solltest du bei der Beurteilung deines Projekts ein gutes Stück weiter gekommen sein. Die folgende Tabelle stellt noch einmal die beiden aktuellen Hauptakteure auf der Projektmanagement-Bühne gegenüber:

Klassisch / „Wasserfall“Agiles PM
VorteileKlare sequentielle Reihenfolge und Planbarkeit für bekannte und sich wiederholende Probleme
Projekte werden von Start bis Ende geplant und jeder weiß, was wann geliefert wird.
Flexibel
Schnell
Schnelle Reaktion auf Änderungen
NachteileAlle Anforderungen müssen klar bekannt sein 
Strenger Ansatz, bei dem Planabweichungen nicht erwünscht sind
Wenig flexibel
Für kleine Projekte häufig bürokratisch
Hoher Kommunikationsaufwand
Unsicherheit, was wann geliefert wird
Unsicherheit über die nötigen Aufwände
AnwendungsgebieteWiederholte Erstellung ähnlicher physischer Produkte, Projekte mit klaren Anforderungen
Große Projekte mit strengen Deadlines und Budgets
Projekte, bei denen „der erste Schuss sitzen muss“
Projekte mit einem hohen Grad an Komplexität und Unsicherheit in flexiblen Umgebungen
Bei hoher Dringlichkeit
BeispieleBau einer Brücke
Installation einer neuen Stanzmaschine
Entwicklung einer App
Aufsetzen einer Werbekampagne

Fazit

Wer mit einem Hammer eine Schraube eindrehen will, hat schon von Beginn an verloren, ist es nicht so? Gleiches gilt für Projekte: Wer in starren Umgebungen mit festen Anforderungen z.B. Scrum umsetzen will, wird ähnlich frustriert sein wie eine Software-Agentur, die für unklare Anforderungen einen detaillierten Projektplan erstellen soll.

Welche Methode gewählt wird, hängt deshalb von der Art des Projekts und der Umgebung ab. Grundansatz: Wähle die Methodik, mit der Zeit und Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden.