Für Eilige: Alles Wichtige auf einen Blick
Artikel-Highlights
Zwei Tage Verzug beim Festlegen der Design-Freigabe, zwei Tage Verzug beim Serverumzug – beides steht rot im Statusbericht und kommt damit ganz nach oben auf die Prio-Liste. Drei Wochen später steht das Projekt still: Der verspätete Serverumzug hat fünf andere Arbeitspakete blockiert, die Design-Freigabe interessiert momentan niemanden.
Was ist passiert? Es gab zwei Verzögerungen, beide hatten die gleiche Farbe im Report, aber eine komplett unterschiedliche Aussagekraft – und es gab einen Denkfehler, der jeden von uns treffen kann.
Was ist False Equivalence?
False Equivalence (auch: False Similarity) tritt immer dann auf, wenn zwei Dinge tatsächlich eine Gemeinsamkeit besitzen. Daraus wird jedoch eine unzulässige Gleichwertigkeit konstruiert, obwohl wichtige Unterschiede bestehen.
Die folgenden Beispiele sind dem Wikipedia-Artikel zum Thema entnommen und können etwas ausführlicher dort nachgelesen werden:
A und B haben Gemeinsamkeit X → deshalb werden A und B als gleichwertig behandelt → relevante Unterschiede Y und Z verschwinden.
Übrigens: Falsche Gleichsetzungen begegnen uns besonders häufig im Journalismus und in der Politik – etwa wenn die Fehler zweier Politiker miteinander verglichen werden, obwohl sie völlig unterschiedlicher Art oder Tragweite sind. Eng verwandt damit ist Whataboutism: Statt auf einen Vorwurf einzugehen, wird mit „Aber was ist mit …?“ auf das Fehlverhalten einer anderen Person oder Gruppe verwiesen, als würde das eine das andere relativieren.
Warum Projekte besonders anfällig sind
Es liegt nahe, komplexe Sachverhalte auf eine einfache Gemeinsamkeit zu reduzieren: Zwei Anforderungen sind „wichtig“, zwei Risiken „kritisch“ oder zwei Lösungsvarianten „machbar“.
Projekte sind dummerweise ein ziemlich guter Nährboden für False Equivalence:
- Hoher Entscheidungsdruck im Projektalltag: Projektmanager müssen ständig vergleichen, bewerten und priorisieren – oft unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und vielen unterschiedlichen Interessen. Wer Stress hat, übersieht schnell mal Details.
- Vereinfachung komplexer Sachverhalte: Um handlungsfähig zu bleiben, werden Unterschiede häufig reduziert und Dinge über eine gemeinsame Eigenschaft gleichgesetzt (z. B. „beides ist wichtig“ oder „beides ist ein Risiko“).
- Gefahr der falschen Gleichwertigkeit: Eine gemeinsame Kategorie bedeutet nicht, dass Dinge gleich relevant sind, zum Beispiel wenn eine gesetzliche Anforderung deutlich wichtiger ist als ein Nice-to-have-Feature oder Risiken stark in Wahrscheinlichkeit und Auswirkung variieren.
- Trügerisches Gefühl von Fairness: Gleichbehandlung wirkt neutral und gerecht, besonders in Konflikten oder bei konkurrierenden Interessen. Das führt aber dazu, dass wichtige Unterschiede ausgeblendet werden.
Wer im hektischen Projektalltag wenig Raum für Einzelfallanalyse hat, greift auf schnelle Rückschlüsse und Analogien zurück („Das kennen wir schon“ oder „Das ist doch wie letztes Mal“) statt auf die möglichen Unterschiede zu schauen. Die Auswirkungen können erheblich sein: Die Prioritäten verwässern, Ressourcen werden an falschen Stellen eingesetzt und Entscheidungen berücksichtigen wichtige Unterschiede nicht ausreichend.
Im ungünstigsten Fall behandelt das Projekt Nebensächliches wie Kritisches, und wirklich relevante Themen bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Was haben diese beiden Dinge gemeinsam?“, sondern auch: „Welche Unterschiede sind für meine Entscheidung relevant?“
Typische Beispiele aus dem Projektumfeld
Auch die folgenden Beispiele zeigen, wie durch Vereinfachen vorschnell Aspekte in die gleiche Schublade gesteckt werden, ohne die Unterschiede zu berücksichtigen:
| Projektsituation | Verführerische Gleichsetzung | Was bei genauerem Hinsehen erkennbar ist |
|---|---|---|
| Anforderungen | „Beides sind wichtige Anforderungen.“ | Ja, aber beide sind unterschiedlich aufwändig, nützlich und dringend. |
| Risiken | „Beides kann den Termin gefährden.“ | Ja, aber Wahrscheinlichkeit und Schadenshöhe können komplett unterschiedlich sein. |
| Stakeholder | „Beide sind vom Projekt betroffen.“ | Ja, aber beide haben einen unterschiedlichen Einfluss auf das Projekt. |
| Konflikte | „Beide Seiten haben Fehler gemacht.“ | Ja, aber die Ausmaße der Fehler spielen in einer ganz anderen Größenordnung. |
| Lösungsoptionen | „Beide Varianten haben Vor- und Nachteile.“ | Ja, aber die Vor- und Nachteile wiegen unterschiedlich schwer und sind unterschiedlich relevant. |
Der praktische False-Equivalence-Check
Wann immer du Dinge „mal eben“ miteinander vergleichst, stell dir folgende Fragen:
Fazit
False Equivalence ist keine komplizierte Denkfalle, im Projekt ist sie sogar oft recht offensichtlich. Spannend wird es immer dann, wenn Unterschiede weniger deutlich sind und schnelle Vergleiche plausibel klingen. Du musst deshalb weder Lessons Learned über Bord werfen noch jeden Vergleich bis ins letzte Detail analysieren. Nimm False Equivalence einfach als kleines Warnsignal gegen vorschnelles Schubladendenken: Ähnlichkeiten helfen bei der Orientierung – gute Entscheidungen entstehen aber oft durch den Blick auf die Unterschiede.









