Wir Projektmanager sind ja nicht gerade bekannt für unseren unbegrenzten Optimismus. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, Hard-Core-Pessimismus ist die Volkskrankheit Nummer eins unter Projektmanagern. Und das hat einen einfachen Grund: Von Beginn unserer Karriere an werden wir darauf geeicht, alle Risiken und mögliche Extrakosten im Auge zu haben. Und … so ganz verkehrt ist das nicht! Schließlich gibt es verdammt vieles, was schiefgehen und dein Projekt in den Abgrund reißen kann.

Aber andererseits ist es doch schade, oder? Wäre es nicht viel schöner, an die guten Möglichkeiten zu denken, an die Chancen und positiven Wendungen, die ein Projekt nehmen kann? Wenn wir davon ausgehen, dass Risiken unerwartete Ereignisse sind, die den Projektverlauf negativ beeinflussen können, dann sind Chancen das genaue Gegenteil: Unerwartete Möglichkeiten, die sich zusätzlich zu den eigentlichen Projektzielen ergeben.

Natürlich rate ich niemandem dazu, seine Projektrisiken zu ignorieren. Das könnte in einer Katastrophe enden. Aber man sollte sich nicht ausschließlich darauf konzentrieren. Schaffe Raum für positive Gedanken und öffne deine Augen für die Chancen im Projekt.

Klingt gut, oder? Also leg los:

Chancen sammeln

Ob mittels Brainstorming oder Gedanken-Schweifen-Lassen während eines Spaziergangs: Sammle mögliche Chancen und schreibe sie auf. Hab keine Angst, denke ruhig groß: Was würde deinen Auftraggeber so richtig glücklich machen? Wie könntest du andere Beteiligte positiv überraschen?

Vergiss für einen Moment  die Probleme, oder wie realistisch deine Gedanken sind. Sei mutig und träume. Jedes Projekt hat  Chancen, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.

Chancen kommunizieren

Sag es der Welt!

Behalte nicht alles für dich. Chancen können ebenso wie Ziele eine großartige Motivation für dich selbst und für dein Team sein und helfen beim positiven Denken. Es inspiriert, über Chancen zu reden und ermutigt, über den Tellerrand zu blicken und kreativ zu sein. Es kann eine Atmosphäre schaffen, in der du und dein Team nicht nur abarbeiten, sondern in größeren Dimensionen denken, wirklich etwas bewegen wollen. Und wenn das alles nicht einmal extra Kosten verursacht, um so besser!

Chancen wahrnehmen

Ergreife Chancen, wenn sie sich plötzlich ergeben. Der Zusatzaufwand für den Moment ist nicht allzu hoch? Dann nutze solche Möglichkeiten. Selbstverständlich musst du darauf  achten, dich nicht ernsthaft vom eigentlichen Projektziel ablenken zu lassen oder dieses gar zu gefährden. Doch in den meisten Fällen wäre es eine Schande, Gelegenheiten nicht beim Schopf zu packen.

Hast du dies getan, dann lass es deine Stakeholder und Auftraggeber wissen. Gibt es eine bessere Werbung für dein Projekt, als ein unerwarteter Zusatznutzen, der nichts oder nur wenig mehr?

Es ist übrigens eine gute Idee, auf die Chancen vorbereitet zu sein. Denke rechtzeitig über deine Möglichkeiten nach, damit du sie auch erkennst und nicht ungenutzt verstreichen lässt.

Chancen sind großartig. Es ist an der Zeit, mehr aus ihnen zu machen.


Deine Aufgabe

Nimm dir Zettel und Stift, und lege sofort los: Welche Chancen gibt es in deinem Projekt? Was würdest du gern zusätzlich erreichen? Warum macht genau dieses Projekt Spaß? Befrage auch dein Team dazu!

Weitere Artikel der Serie:<< Die sechs Faustregeln: 3. Sei nett zu deinem TeamDie sechs Faustregeln: 5. Sieh Probleme als Herausforderungen >>
2 Kommentare
  1. Fabian sagte:

    Lieber Alexander,

    vielen Dank für dieses tolle Plädoyer zum aktiven Chancenmanagement!

    Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass ein gutes Risikomanagement immer auch Chancenmangement sein sollte!

    Ich sehe Risiken auch nicht nur als „Ereignisse (…), die den Projektverlauf negativ beeinflussen“, sondern ganz neutral als „Unsicherheiten, die – wenn sie auftreten – Auswirkungen auf die Ziele haben werden“. Unter diese (recht breite) Definition fallen dann auch Chancen.

    Risikomanagement als Chancenmanagement – Dieser veränderte Fokus kann auch dem oft so ungeliebten Risikomanagement deutlich mehr Akzeptanz verleihen. Mehr dazu auch hier: http://erfolgreich-projekte-leiten.de/risikomanagement/

    Viele Grüße! Fabian

  2. Sven sagte:

    Hallo Alexander,

    guter Ansatz, den du da beschreibst.

    Ich arbeite in meinen Projekten so, dass ich bereits während der Situationsanalyse (http://www.agile-master.de/situationsanalyse-projektmanagement), in der dort stattfindenden SWOT-Analyse die Chancen erhebe und aufschreibe. Das ermöglicht ein aktives Management.

    Was ich an deinem Vorschlag gut finde: Spontane Chancen, die sich ergeben, während dem Projekt gezielt zu nutzen. Das geschieht leider viel zu selten. Meistens hakt das daran, dass die Ergreifung der Chance erst mal eine spontane Umplanung der Ressourcen benötigt. Bei Startups ist das kein Problem. Bei großen Unternehmen tut man sich da i. d. R. unheimlich schwer – leider.

    Welchen Ansatz hast du für die Umsetzung spontaner Chancen?

    Den Artikel von Fabian kann ich übrigens empfehlen. Dieser setzt Risikomanagement = Chancenmanagement. Eine interessante Sichtweise.

    Liebe Grüße
    Sven

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