Digitalisierung der Arbeitswelt

Digitalisierung der Arbeitswelt2030 … bis dahin sind es doch noch so viele Jahre! Oder doch nicht? War nicht gerade erst die Jahrtausendwende? Haben wir wirklich schon 2018? Wie so oft: Die Zukunft kommt meist schneller als gedacht – die Digitalisierung der Arbeitswelt ist in vollem Gange. Wir werfen daher mit einem Augenzwinkern einen Blick in die Kristallkugel. Wie wird die Arbeitswelt des Projektmanagers 2030 aussehen?

Was für ein schönes Thema! Denn (Achtung, Achtung!): Projektleiter haben es dann viel leichter. Im Grunde genommen können sie die Füße hochlegen und dürfen sich mit den angenehmen Dingen des Lebens beschäftigen.

Wir begleiten Herrn Futurist durch seinen typischen Arbeitstag. Doch Vorsicht: Der Artikel kann Spuren von Satire und Unterhaltung enthalten.

Der Weg zur Arbeit in 2030

… entfällt. Büros? Sind „Old School“. Stattdessen ist vieles möglich. Homeoffice, Beachoffice – jeder Projektmanager kann sich entfalten und frei wählen. Äußerst praktisch: So muss sich Herr Futurist nicht einmal umziehen und kann in Schlappen zum Frühstück in die Küche schlurfen. Sein virtueller Assistent Alexus schlägt ihm prompt mit gewohnt überfreundlicher Stimme ein auf seinen Biorhythmus abgestimmtes Frühstück vor. Die Aktivierung dieses Gesundheitsmoduls wird von seinem Arbeitgeber erwartet. Kerngesund und leistungsfähig soll er sein. Herr Futurist kann das nur zu gut verstehen, doch insgeheim mag er es süß. So mischt er auch heute wieder heimlich etwas Zucker in die Haferkleie. Da schmeckt es doch gleich viel besser.

Sein virtueller Assistent legt ihm den Plan für den Tag vor. Herr Futurist stellt fest, dass das System noch immer nicht gelernt hat, dass der Hund bei diesen heißen Sommertermperaturen nur eine kürzere Runde drehen will. Seine genervten Versuche, dies Alexus beizubringen führen jedes Mal zu einem überfreundlichen „Ich verstehe leider nicht, kannst Du das noch einmal neu formulieren?“ So benötigt er eine halbe Stunde, dies im umständlichen Konfigurator händisch einzustellen. Geschafft, jetzt kann er zumindest den Rest des Tages seine Zeit besser auszunutzen.

Das Projektmeeting in 2030

Internationale Projekte sind heutzutage so viel einfacher! Herr Futurist erinnert sich noch gut an die alten Zeiten, in denen es alle auf Englisch versuchten. Nur um dann immer wieder festzustellen, dass niemand die Nuancen der Muttersprachler wahrnahm, die Deutschen die Inder nicht verstanden und die Texaner die Schotten genauso wenig.  Da ist die moderne Technik wahrlich ein Segen. Herr Futurist setzt sich schnell die VR-Brille auf und schwupps sitzt er in einem virtuellen Besprechungsraum. BestEasyVR heißt das System ganz kreativ.

Herr Futurist sieht die anderen Teilnehmer so, als würden gemeinsam am Tisch sitzen. Trotz Schlappen und verwaschenem T-Shirt erscheint Er vor den Augen der anderen Teilnehmer modern und professionell gekleidet. Seit einem Jahr bezahlt er außerdem aus  eigener Tasche ein Abo für das Beauty-Plugin der VR-App. Eine Investition, die sich gelohnt hat: Herr Futurist hat damit seinen Bauchumfang retuschiert und die Schultern verbreitert. Sein Standardavatar, der auf einem Körperscan beruhte, sah wirklich nicht sehr vorteilhaft aus.

Gesprochenes wird simultan übersetzt, als würde jeder alle Sprachen sprechen. Fehlen nur die Plätzchen und der Kaffee – schade eigentlich.

Nach einem kleinen Missverständnis der automatischen Simultan-Übersersetzung vor zwei Jahren – inklusive eines resultierenden Millionenschadens – wird seitdem zur Sicherheit alles aufgezeichnet, im Anschluss von allen Teilnehmern gegengelesen und abgesegnet. Leider kommt Herr Futurist heute wieder einmal nicht ohne mehrere Korrekturschleifen aus. Der Tagesplan passt damit vorn und hinten nicht mehr – es muss wieder einmal improvisiert werden!

Einen Projektbericht schreiben in 2030

Zum Glück kann er an anderer Stelle Zeit einsparen. Die früher so aufwändigen Projektberichte flattern vorgeneriert in sein Postfach und müssen in der Regel kaum angepasst werden – zumindest wenn er bei den Fakten bleiben will. Das einzige wirkliche Manko: Seit dem letzten Update der Software entscheidet Künstliche Intelligenz über die Farbe der Statusampeln. Herr Futurist flucht leise vor sich hin. Von wegen, Intelligenz.  Der automatische Bewerter hat wieder einmal nicht alle komplexen Zusammenhänge erfasst und bestraft ihn mit einer roten Ampel beim Teilprojekt 3 „Konstruktion“. Ja, er hat das Budget und die Deadline in TP3 gerissen, doch der so generierte Mehrwert wird in der Pilotproduktion deutliche Einsparungen bringen. Warum ist das nicht eingepflegt? Wenn man nicht alles selbst macht!

Herr Futurist seufzt und öffnet das Kommentarfeld der Ampel. Unfassbar, dass er jetzt auch noch einen ganzen Roman zur Begründung schreiben muss. Und was, wenn seine Auftraggeber wieder einmal die Kommentarfelder nicht lesen? Erfahrungsgemäß wird oft nur die erste Seite geöffnet und das Kleingedruckte nicht gelesen. Ärger ist vorprogrammiert – und viel Zeit für die ganzen vorwurfsvollen Rückfragen.

15 Minuten später blättert Herr Futurist weiter durch die Details der Teilprojekte. Doch was ist das? Einige der Seiten sind bis auf den roten Schriftzug „missing data“ komplett leer. Er erinnert sich, die Marketingabteilung sitzt in Korea. Auf deren Server konnten seit einem Jahr keine Updates der Projektmanagementsoftware mehr aufgespielt werden. Niemand weiß, warum sich Hard- und Software dort nicht verstehen, vermutlich der Preis der Komplexität. Für einen neuen Server gab es leider kein Budget. Herr Futurist ist langsam genervt. Jetzt muss er heute auch noch die Daten aus Korea in Tabellenform anfordern und anschließend per Hand einpflegen und den Bericht neu erzeugen lassen. Wegen der Zeitverschiebung kann es sein, dass er die Daten erst morgen erhält.

Herr Futurist fragt sich, ob sie vielleicht den Anbieter ihrer PM-Software wechseln sollten. Die aktuelle hat einfach zu viele Fehler, und jede zweite Woche gibt es ein Update, welches alles verschlimmbessert. Doch Herr Futurist kann gut verstehen, dass sein Unternehmen diesen Schritt scheut: Es gibt leider immer noch keine klaren Standards für die Datenformate, so dass ein Wechsel der Software einen Riesenaufwand bedeuten würde. Nur zu gut weiß er, wie kompliziert alles wird, wenn in einem seiner Projekt externe Partner dabei sind, die die Software anderer Hersteller verwenden.

Das tägliche Klein-Klein in 2030

… lässt Herrn Futurist entspannt durchatmen. Alles läuft problemlos! Aufgaben werden automatisch an Teammitglieder verteilt, selbstverständlich abhängig von Qualifikation, Komplexität der Aufgabe und Ressourcenverfügbarkeit. Er liebt sein Cockpit, auf dem er in Echtzeit Fortschritte und Aufwände überwachen kann. Berichte und Abrechnungen werden ohne sein Zutun erstellt – er muss sich um kaum etwas kümmern.

Moment … eine Nachfrage aus der Buchhaltung, per Telefon … wie kann eine Abteilung heutzutage noch wie im letzten Jahrhundert arbeiten? Herr Futurist verbringt die Zeit bis zum Mittag, um eine Buchung auf sein Projekt nachvollziehen zu können. Hierfür muss er in die Tiefen seines Projektsystems abtauchen, mit denen er sonst nichts zu tun hat. Besonders die Filterfunktionen im Controlling-Modul sind ihm ein Rätsel. Er sucht im Firmen-Wiki nach einer Antwort. Vergebens, denn dieses Thema ist dort nicht gepflegt. Eine halbe Stunde später wird er in einem externen englischsprachigen Forum endlich fündig. Die Lösung ist im Grunde einfach, nur schrecklich unlogisch und gegen alle Intuition.

Manchmal sehnt er sich nach einem langweiligen Papierordner oder zumindest nach einfachen Excel-Tabellen zurück.

Die Mittagspause in 2030

Nun muss Herr Futurist doch einmal nach draußen. So sehr er seinen Home-Office-Platz mit Schlabberlook und Schlappen auch mag – er muss unter Menschen. Da es vielen ähnlich geht, trifft er sich mit Gleichgesinnten in einem Bistro zwei Straßen weiter mit Fremden zum Speed Talk. Die App Lunchdate sucht ihm einen passenden Gesprächspartner heraus, und schlägt anhand der Interessenprofile Themen vor, über die geredet werden sollte.

Ihm gegenüber sitzt heute ein blasser Mittdreissiger. Zeit ist wertvoll, deshalb blendet die App erste persönliche Informationen wie Vorname, Hobbies und Stimmungslage über seine Augmented-Reality-Brille ein. Aha, Kevin ist übermüdet, na das hätte er auch ohne die App bemerkt, denkt sich Herr Futurist. Das Gespräch kommt kaum in Schwung. Musik der 80er hatte Lunchdate vorgeschlagen. Doch Kevin hat davon nicht die blasseste Ahnung. Es stellt sich heraus, dass er in seinem Interessenprofil einfach alles angekreuzt hatte, weil er keine Lust hatte, sich die Texte durchzulesen. Außerdem hat Kevin eine Pizza bestellt. Hat sein Gegenüber etwa kein Gesundheitsmodul aktiviert? Ha, dann zahlt er sicherlich höhere Gesundheitsabgaben! Herr Futurist ist dennoch neidisch und schaut traurig auf sein Müsli mit Joghurt. Immerhin, zumindest mit Himbeeren.

Ein Vorstellungsgespräch in 2030

Nach der Pause wird es unterhaltsam: Herr Futurist liebt Vorstellungsgespräche! Vorab hat er einen ausführlichen Bericht über den Kandidaten erhalten. Altmodische Bewerbungsunterlagen sind unwichtig – es zählen der Integrity-Score, Competence-Score und das Auftreten im Videointerview.

Die beiden sitzen sich per Kamera gegenüber und Herr Futurist stellt erneut fest, dass verbale Fähigkeiten besonders bei jungen Bewerbern immer mehr zu wünschen übrig lassen. Wie der nuschelt und auf dem Stuhl hängt. Trotzdem macht der Kerl sonst einen guten Eindruck – sie werden ohnehin überwiegend schriftlich kommunizieren. Da sich die Projektmanagement-Systeme extrem zwischen Branchen und Unternehmen unterscheiden, punktet der Bewerber mit seiner Erfahrung in verschiedenen Branchen. Solche Leute kann er gut gebrauchen. Kurz vor dem Abschluss des Gesprächs bricht aus unerklärlichem Grund der Ton zusammen und lässt sich nicht wiederherstellen. Zum Glück erst jetzt. Das Wichtigste war ja gesagt. Herr Futurist nickt heftig in die Kamera und hebt den Daumen. Der Bewerber zuckt jedoch nur ratlos mit den Schultern. Hat er verstanden, dass er den Job hat? Herr Futurist winkt kurz und beendet die Verbindung. Egal, er wird ihm gleich morgen einen Zeitvertrag für ein halbes Jahr zuschicken. Eine Festanstellung hat auch er selbst schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt.

Unvorhergesehenes in 2030

Plötzlich spürt Herr Futurist ein Vibrieren am Handgelenk: Verdammt! Er eilt zu seinem Computer und sieht die Bescherung: Ein wichtiger Testlauf des neuen Systems ist fehlgeschlagen, der Projektstatus wurde auf kritisch gesetzt. Er erhält ratlose Meldungen der Teammitglieder vor Ort. Wo ist nun die Technik, wenn man sie braucht? Hektisch überfliegt Herr Futurist die übermittelten Testdaten und überlegt: Er könnte jetzt über den Zahlen brüten – oder dem abwegigen Impuls folgen und zu seinem Team vor Ort fahren.

Kurz darauf sitzt er in seinem selbstfahrenden Wagen und freut sich, während der Fahrt bereits genauer auf die Daten schauen zu können. Heute hat er zum Glück seine ID-Karte dabei. Das letzte Mal vor einem Monat hatte er diese zuhause vergessen. Der Pförtner kannte ihn gut, und hatte ihn daher auch ohne ID auf das Betriebsgelände gelassen. Doch die anwesenden Teammitglieder in der Werkshalle kannten Herrn Futurist nur aus den virtuellen Besprechungen, mit geschöntem Bauch und breiteren Schultern. Diese riefen sofort den Sicherheitsdienst und es gab lange Diskussionen.

Der Feierabend in 2030

Es ist spät geworden … was der Personalabteilung zweifellos gemeldet wird. Herr Futurist wirft einen Blick auf den Tagesplan von heute Morgen, der nur halbwegs funktioniert hat: Zu groß waren die Störungen, zu langwierig die Problemlösung am Testsystem vor Ort.

Zu allem Überfluss hat er erfahren, dass an einem Arbeitspaket aktuell niemand arbeitet, da sich ein Abteilungsleiter außerhalb des PM-Systems zwei Mitarbeiter unter den Nagel gerissen hat. Nicht einmal auf sein Cockpit im Home Office kann er sich verlassen! Er nimmt sich vor, regelmäßig selbst nachzuprüfen, ob alles so läuft, wie es den Anschein hat.

Fazit

Ist dies eine abwegige Zukunftsvision? Vielleicht. Zu negativ? Nun ja, sicherlich etwas übertrieben. Wir sind uns sicher: Der hier beschriebene Arbeitsalltag wird vermutlich nicht komplett in dieser Form eintreten – es wäre anmaßend, anderes anzunehmen.

Doch in zwei Punkten sind wir uns sicher:

  1. Digitalisierung und neue Technologien werden unser Arbeitsleben wesentlich beeinflussen und verändern. Die ein oder andere Alltagsaufgabe wird vereinfacht werden, vielleicht verschwinden, andere werden hinzukommen.
  2. Diese Veränderungen werden uns neue, gute Lösungen für alte Probleme bieten, doch es werden auch neue Probleme erschaffen, die sich direkt aus der Digitalisierung selbst ergeben. Probleme, die wir uns heute noch nicht vorstellen können, aber auch allzu bekannte Probleme in neuen Gewändern.

Die Technologie wird komplexer werden und unsere Projekte waren es schon immer. Komplexe Systeme laufen nie störungsfrei. Daher sind wir uns sehr sicher, dass es auch in Zukunft genug für den Projektmanager zu tun gibt. Komplizierte Herausforderungen, unvorhergesehene Probleme und Krisensituationen werden weiterhin ein menschliches Eingreifen erfordern. Ganz zu schweigen vom Lösen zwischenmenschlicher Probleme und Missverständnisse, die keine Maschine dieser Welt lösen kann.

Die Rolle des Projektleiters bleibt somit die gleiche: Er ist der Steuermann, die Feuerwehr und der Notarzt in einem – jetzt und zukünftig.

Dieser Artikel ist ein gemeinsamer Beitrag von Andrea und Alexander von Projekte leicht gemacht zur Blogparade des Projektmagazins. Du hast Lust auf weitere spannende Blicke in die Kristallkugel? Dann schau doch hier vorbei: https://www.projektmagazin.de/blogparade_2017

Dr. Alexander Blumenau (*1972) ist Portfolio- und Projektmanager und blickt auf über ein Jahrzehnt im industriellen Umfeld zurück – sowohl in internationalen Projekten, als auch als Leiter von technologischen Entwicklungsabteilungen. Als promovierter Physiker verfügt er über Lehrerfahrung an deutschen und internationalen Universitäten.

Neben seinen Schwerpunktinteressen im Projektmanagement, Prozessmanagement und der Strukturierung, arbeitet er als freier Autor und Fotograf.

7 Kommentare
  1. parel sagte:

    Hehe… amüsant… ich freu mich drauf… mochte schon immer Herausforderungen und werde sie immer lieben… und Veränderungen auch, auch wenn sie nicht in jedem Falle „neu“ sind, sondern nur einmal von links und einmal von rechts, einmal von unten und einmal von oben gedacht werden… gelungener Artikel für einen Bürostart!

  2. Olaf Schneider sagte:

    Ein schöner Artikel, der überraschend wenig abwegig ist, denn fast alles, was in Eurem Artikel erwähnt wird, hat ja jetzt schon seine Anfänge genommen.

    Auch heute schon nimmt einem die Digitalisierung – die ja erst ganz am Anfang steht – viele monotone Arbeiten ab, um dafür auf anderer Seite neue Arbeit zu erzeugen. Spannend bleibt’s …

    • Alexander sagte:

      Danke! Klar, da auch wir keine funktionierende Kristallkugel auftreiben konnten, haben wir aus der Entwicklung der letzten 20 Jahre extrapoliert :-)
      Schön, dass man uns auch im Norden liest!

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