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Zoom Fatigue: Darum sind Videokonferenzen so anstrengend

Auf den Punkt gebracht

Zoom Fatigue (auch: Zoom-Müdigkeit) beschreibt ein Phänomen, nachdem sich viele Menschen erschöpft fühlen durch zahlreiche und lange Videokonferenzen. Die Ursachen sind vielschichtig, lassen sich jedoch zusammenfassen: Diese Art der Kommunikation ist für uns Menschen nicht natürlich. Das Gehirn läuft auf Hochtouren, muss deutlich mehr Reize verarbeiten und gerät unter Stress.

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Keine Frage: Ständig online zu sein, ist ganz schön anstrengend. Für viele ist es noch anstrengender, die Gesichter von Gesprächspartnern nur noch auf Bildschirmen statt „live“ vor sich zu sehen. In diesem Artikel schauen wir genauer hin, was es mit dem Phänomen „Zoom Fatigue“ auf sich hat und warum Videokonferenzen so ermüdend sind.

Hinweis:
Wir verzichten in diesem Artikel auf allgemeine Meeting-Themen wie eine klare Agenda, gelungene Moderation und Wahl der richtigen Dauer für Meetings. Stattdessen legen wir den Fokus auf die Frage, warum speziell die virtuelle Kommunikation uns Menschen so anstrengt.

Was ist Zoom Fatigue?

Zoom Fatigue [fa.tiɡ] (auch: Zoom-Müdigkeit) beschreibt ein Phänomen, nachdem sich viele Menschen erschöpft fühlen durch zahlreiche und lange Videokonferenzen. Trotz „Zoom“ im Titel entsteht das Phänomen natürlich auch für die Ermüdung bei Nutzung anderer Videokonferenz-Tools wie zum Beispiel Microsoft Teams.

Studien zeigen: Je häufiger Zoom-Meetings durchgeführt werden und je länger sie andauern, desto müder werden wir Menschen – und das führt wiederum zu einer negativen Einstellung gegenüber weiteren Videokonferenzen.

Zoom Fatigue

Symptome von Zoom Fatigue

Es ist nichts Neues: Zu langes Arbeiten am Bildschirm hat generell negative Effekte, wie zum Beispiel gereizte Augen oder Kopfschmerzen. Doch Zoom Fatigue geht darüber hinaus und äußert sich typischerweise durch folgende Symptome:

  • Gefühl von Müdigkeit oder Erschöpfung nach einem Video-Call („Ich fühl mich echt ausgelaugt.“)
  • Kein Gefühl von positiver Energie, das sonst im sozialen Kontakt mit Menschen auftritt
  • Gefühl von Anspannung während des Meetings
  • Gefühle von Ängstlichkeit oder Stress bereits vor einem Meeting

Hinzu kommen Ärger über stockende Kommunikation und unzuverlässige Technik. Egal, ob du nur eins oder mehrere dieser Symptome kennst: Es ist spannend, die Ursachen hinter Zoom Fatigue zu beleuchten – die sind nämlich oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

Ursachen von Zoom Fatigue

Wir könnten diesen Artikel extrem kurz zusammenfassen: Die Kommunikation über lange Videokonferenzen ist für uns Menschen schlichtweg nicht natürlich – und das führt zu Stress und Müdigkeit. Evolutionär gesehen hat sich der Mensch seit vielen tausenden von Jahren nicht verändert – und plötzlich führen wir Menschen Gespräche über Bildschirme und kleine Fenster, in denen wir uns anstarren. Kein Wunder, dass das nicht gut funktioniert!

Ähnliche Effekte sehen wir bei anderen Themen, wie zu wenig Bewegung und falscher Ernährung: Eine „nicht-artgerechte“ Haltung für uns Menschen führt zu Stress und langfristig zu Krankheiten.

Auch wenn uns Zoom Fatigue nicht direkt krank macht, so fühlt sie sich doch unangenehm an und raubt Energie, die wir für andere Aufgaben gut gebrauchen könnten. Aber warum genau sind Videokonferenzen denn so anstrengend? In den folgenden Abschnitten gehen wir genauer auf die einzelnen Punkte ein.

Zoom Fatigue

Auch der Persönlichkeitstyp entscheidet

Warum genau Videokonferenzen uns ermüden, hängt auch vom Persönlichkeitstyp ab. Genauer gefragt: Bist du eher extrovertiert oder introvertiert?

Wichtig:
Introvertierte sind nicht zwangsläufig schüchtern, ebenso wenig wie Extrovertierte ständig die Rampensau spielen. Der Unterschied liegt darin, wie Menschen ihre Energie sammeln. Während Extrovertierte nach sozialen Kontakten eher aufgeladen sind, benötigen Introvertierte mehr Zeit für sich selbst, um ihre Energiespeicher zu füllen.

In Videokonferenzen wird der Unterschied besonders deutlich:

  • Extrovertierte benötigen mehr soziale Kontakte für ihr Wohlbefinden und fühlen sich nach regulären Besprechungen oft voller Energie. Nach Videokonferenzen fühlen sie sich allerdings gar nicht aufgeladen, weil die persönliche Verbindung zu den anderen Teilnehmern nicht in gleichem Maß gegeben ist.
  • Für Introvertierte sind Videokonferenzen oft noch schlimmer: Soziale Kontakte saugen für sie auch „im wahren Leben“ bereits an den Energiespeichern. In Zoom-Meetings wird dies durch eine zusätzliche empfundene Nähe (siehe Abschnitt „Zu nah!“) sogar noch verstärkt.

Die logische Konsequenz: Auch das Vermeiden von Zoom Fatigue unterscheidet sich je nach Persönlichkeitstyp. Während Extrovertierte auf genügend „echte“ soziale Kontakte und viel Interaktion achten müssen, sollten Introvertierte genügend Distanz und Zeiten „zum Durchatmen“ schaffen. Diese entgegengesetzten Motive können in der Zusammenarbeit natürlich aufeinander prallen – und das nicht nur in Videokonferenzen.

Fehlende Körpersprache

Wir wissen: Ein großer Teil der Kommunikation erfolgt unbewusst und nonverbal. Schon seit unserer Kindheit lernen wir Menschen, kleinste körperliche Signale zu bewerten und dadurch Beziehungen zu Menschen aufzubauen. In Videokonferenzen gibt es plötzlich andere Regeln:

  • Subtile Gesichtsausdrücke und Gesten werden weniger gut wahrgenommen. Das führt zu einer stärkeren Belastung des Gehirns sowohl beim Sender als auch beim Empfänger: Der Empfänger muss sich stärker konzentrieren, aber auch der Sender muss Mimik und Gestik bewusster einsetzen.
  • Gesten können andere Bedeutungen haben als im echten Leben. Ein Seitenblick in einem Zoom-Meeting („raus aus dem Meeting“) wirkt ganz anders als ein Lächeln zum Kollegen auf dem Nachbarstuhl.

Einladung zum Multitasking

Mal eben noch eine Chat-Nachricht schreiben? E-Mails checken? „Schokolade“ auf die private Einkaufsliste schreiben? Das alles geht wunderbar in Videokonferenzen, bei denen niemand etwas davon mitbekommt.

Das Problem: Du hörst nicht mehr richtig zu und bist ständig abgelenkt. Es ist nichts Neues, dass Multitasking nicht funktioniert und unser Gehirn kräftig beansprucht, weil es ständig zwischen unterschiedlichen Themen hin- und herspringen muss. Trotzdem machen wir es ständig freiwillig und glauben, in der gleichen Zeit mehr zu schaffen. Kein Wunder, dass wir nach solchen Meetings müder und erschöpfter sind!

Falls das Meeting aus deiner Sicht sinnlos ist und du deshalb nebenher anderes tust: Dann versuche zukünftig nicht mehr teilnehmen zu müssen. Ansonsten wirst du auf zwei Ebenen müde: Dir fehlt der Sinn und du wirst zusätzlich noch mehr zum Multitasking neigen.

Zu nah!

Laut Stanford-Professor Jeremy Bailenson ähneln Videokonferenzen einem Gespräch mit einer Person, die nur einen Meter von dir entfernt ist. Dieser Abstand wird oft als „intime Distanz“ bezeichnet, in die wir nur wenige Menschen hineinlassen:

  • Entweder es sind uns nahestehende Menschen wie Familienmitglieder, Partner oder enge Freunde.
  • Oder aber es handelt sich um Feinde, die wir in einem physischen Kampf besiegen müssen.

Nun sitzen bei einem Zoom-Meeting plötzlich eine oder mehrere Personen in deinem „intimen Bereich“ direkt auf deinem Schreibtisch. Das Gehirn signalisiert: „Das ist nah!“ und gerät in einen hyperaktiven Zustand. Du kannst dich weniger entspannen und weniger abschalten – und das strengt an. Dieser Effekt wird übrigens verstärkt, wenn die Gesichter im Zoom-Meeting besonders groß dargestellt werden.

Ständiger Blickkontakt

Zoom-Fatigue entsteht auch durch die Tatsache, dass du deine Aufmerksamkeit zeigst, indem du direkt in die Kamera schaust. Aber überleg mal: Wie oft starrst du im wirklichen Leben deinen Kollegen ständig aus kurzer Entfernung ins Gesicht?

So ein Verhalten wäre unnatürlich: Ständiges Starren ist uns Menschen unangenehm und macht müde. Während wir in einem „normalen“ Meeting auch mal aus dem Fenster schauen können, kann das in Videokonferenzen schnell als Desinteresse gewertet werden.

Es geht sogar noch weiter: In Zoom-Meetings hat die ganze Zeit über jeder Blickkontakt mit jedem – nicht nur der Sprecher steht im Fokus. Auch wenn du zuhörst, starren dich die ganze Zeit andere Teilnehmer an, was die Anzahl der Blickkontakte deutlich erhöht.

Stanford-Professor Bailenson sagt hierzu: „Die soziale Angst vor dem Sprechen in der Öffentlichkeit ist eine der größten Phobien, die es in unserer Bevölkerung gibt. Wenn man da oben steht und jeder starrt einen an, ist das eine stressige Erfahrung“.

Das ständige Spiegelbild

Wie oft schaust du dich über längere Zeit im Spiegel an? Die meisten von uns tun das vermutlich eher selten. Es kann allerdings zur Zoom-Fatigue beitragen, wenn du dich ständig in einem kleinen Fenster siehst. Das hat mehrere Gründe:

  • Du bist dir selbst gegenüber kritischer („Wie sehen denn meine Haare heute schon wieder aus?“, „Kuck ich wirklich immer so böse?“).
  • Es können negative Gefühle und Anspannung entstehen.
  • Viele Menschen sind sich selbst ihrer eigenen Handlungen viel bewusster.

Lassen wir Stanford-Professor Jeremy Bailenson noch einmal zu Wort kommen: „Das ist anstrengend für uns. Es ist stressig. Und es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass es negative emotionale Folgen hat, wenn man sich selbst im Spiegel sieht. Wenn man sich in der realen Welt ständig selbst in einem Spiegel sehen würde, während man mit Leuten spricht, Entscheidungen trifft, Feedback gibt oder erhält, wäre das einfach verrückt. Niemand würde das jemals in Betracht ziehen.“

Auch hier hat dein Gehirn viel mehr zu tun als in einem „normalen“ Meeting und muss andere Reize verarbeiten: Statt nur zuzuhören, bewertest du dich womöglich selbst, hinterfragst kritisch dein Aussehen oder achtest vielleicht noch mehr darauf, wie du dich bewegst oder sprichst – und das macht müde.

Einfacher Tipp: Schalte die Selbstansicht einfach aus. Problem gelöst!

Verzögerungen in der Übertragung

Auch dieser Punkt zielt wieder auf die generelle Thematik ab: Die virtuelle Kommunikation ist schlichtweg nicht natürlich.

Untersuchungen haben gezeigt, dass technologiebedingte Audioverzögerungen mit einer negativeren Wahrnehmung und einem größeren Misstrauen zwischen Menschen in Verbindung gebracht werden. Kennt ihr euch gut, dann ist das vermutlich kein Problem. Falls du jedoch mit Menschen in Videokonferenzen sitzt, die dir bislang unbekannt waren, dann gib ihnen gern vorab ein paar Bonuspunkte auf der Sympathieskala.

Stärkere kognitive Belastung

Oder anders gesagt: Unser Gehirn ist ganz einfach viel stärker gefordert. Ein paar Punkte hast du bereits in den vorigen Abschnitten kennengelernt, hier kommen noch einige dazu:

  • Du musst dich zwingen, dich intensiv auf das Gespräch zu konzentrieren. Du hast was verpasst? Dann kann dir dein Kollege auf dem Stuhl daneben nicht einfach mal was zuflüstern.
  • Du musst mehr auf Kleinigkeiten achten, die in normalen Gesprächen ganz automatisch passieren. Wenn du deine Zustimmung äußerst, musst du beispielsweise übertrieben mit dem Kopf nicken oder den Daumen nach oben strecken.
  • Viele unterschiedliche Umgebungen und Eindrücke strömen auf dich ein: Ein schreiendes Kind im Hintergrund bei einem Teilnehmer? Eine interessante Sammlung von Gitarren hinter dem anderen? Auch hier muss dein Gehirn deutlich mehr Reize als in einem normalen Meeting-Raum verarbeiten.

All diese Punkte sind auf den ersten Blick Kleinigkeiten, summieren sich aber zu einer stärkeren kognitiven Belastung auf – und das macht müde und erschöpft.

Fazit

Kommunikation zwischen uns Menschen ist ja schon schwer genug. Auch im „echten“ Leben ist es nicht immer einfach, alle Signale richtig zu deuten und Missverständnisse zu vermeiden.

In Videokonferenzen heben wir diese Probleme auf ein neues Niveau: Unser Gehirn läuft auf Hochtouren, muss deutlich mehr Reize verarbeiten und gerät unter Stress. Kein Wunder, dass wir danach müde und erschöpft sind. Zoom Fatigue lässt sich also nicht nur mit Technikproblemen und „zu vielen Meetings“ erklären, sondern auch durch die schlichte Tatsache, dass wir Menschen nicht „gebaut“ sind für Gruppenkommunikation in vielen kleinen Fenstern.

Sind Videokonferenzen deshalb komplett schlecht? Natürlich nicht – ohne sie wären wir in vielen Situationen ganz schön aufgeschmissen. Sei dir der möglichen Probleme bewusst und setze Videokonferenzen dann ein, wenn sie wirklich sinnvoll sind. Ein paar Tipps gegen Zoom Fatigue findest du im kommenden Artikel.

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