Was ist eigentlich die beste Möglichkeit, mit deinem Projektteam in Kontakt zu bleiben oder zu kommen? Sind es die regelmäßigen Meetings? Ja: Die helfen ganz sicher dabei, auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Vielleicht würde dir ein alter Projekthase aber auch raten, regelmäßig mit allen im Team zu reden und insgesamt mehr Präsenz zu zeigen.

Klingt selbstverständlich? Sollte es auch sein. Und doch gibt es im Management einen eigenen Begriff für diese Selbstverständlichkeit: Management by Walking Around.

Was ist Management by Walking Around?

Unglaublich, aber wahr: Die Technik hat sogar eine eigene Abkürzung (MBWA) und wird auch als Management by Wandering Around bezeichnet, also die „Führung durch Herumlaufen“. Grundprinzip: Die Mitarbeiter nicht nur zu formellen Ereignissen treffen, sondern in ihrer „natürlichen Umgebung“.

Diese Führungstechnik hat ihren Ursprung im allgemeinen Management. Die Führungsriege an der Werkbank? Der Projektmanager bei der Aushilfskraft im Archiv? Mit MBWA wird über Hierarchieebenen hinweg kommuniziert, Meinungen und Probleme aus erster Hand erfahren – und schlicht am Puls der Zeit (oder des Projekts) geblieben.

Der Apple-Gründer Steve Jobbs war sicher einer der Vorzeigepioniere von MBWA, beantwortete er sogar einzelne Kundenbeschwerden persönlich am Telefon. Klingt nach Arbeit? Ist es auch! Doch es hat eine Menge Vorteile:

Vorteile von Management by Walking Around

  • Führungskräfte und Manager werden als greifbarer, weniger einschüchternd und schlichtweg einen Tick „menschlicher“ eingestuft. Wer nur hinter seinem Schreibtisch sitzt und von den Mitarbeitern als „Der E-Mail-Schreiber“ gesehen wird, findet kaum persönlichen Kontakt.
  • Ideen und Vorschläge können direkt aufgenommen, mögliche Risiken früher erkannt werden.
  • Viele Mitarbeiter wissen es zu schätzen, einen direkten Kontakt zum Chef zu haben – was motiviert und produktiver macht.
  • Während Meetings oft durch Formalien und Hierarchien geprägt sind, kommen „auf dem Gang“ oft viel lockerere Gespräche zustande.
  • Du hast als Führungskraft Vorbildfunktion und kannst durch die offene Kommunikation auch dein Team zu mehr Zusammenarbeit anregen.

Management by Walking Around im Projektmanagement

Projekte sind wie so häufig besonders anspruchsvoll:

  • Nicht selten wirst du als Projektleiter vor ein interdisziplinäres Team gestellt, dessen Mitarbeiter zusätzlich ihren Linientätigkeiten nachgehen. Oft sitzen deine Mitarbeiter nicht in einem Büro, was den Austausch zusätzlich erschwert. In solchen Projektsituationen ist der persönliche Kontakt besonders wichtig: Stimmungen auffangen, die kleinen Praxisprobleme kennenlernen und sich als „echte“ Person zeigen – das kann dein Projekt voranbringen.
  • Dein Projektteam ist eingespielt und du brauchst kein MBWA? Denk noch einmal nach: Vielleicht gehen dir so manche Entwicklungen durch die Lappen. Was, wenn beispielsweise der Maier plötzlich Stress mit dem Müller hat, und die beiden sich nicht mehr riechen können? Triffst du nur deren Teilprojektleiter bei Statusmeetings, kann der Konflikt bereits eskaliert sein.
  • Vielleicht bist du auch einer von vielen Projektleitern, die als Fachexperte in die neue Rolle „hineingeworfen“ worden sind. Plötzlich ein Projekt steuern und ein Team führen zu müssen, kann ziemlich einschüchternd und fordernd sein – besonders für zurückhaltende Personen. Eine tägliche Dosis von MBWA kann helfen, in die Rolle hineinzufinden, und das ganz unverkrampft.

Tipps für die Praxis

Bereit, es auszuprobieren? Diese Tipps helfen dir:

  • Finde eine Routine für dich: Es kann sehr effektiv sein, ungeplant bei deinem Team aufzutauchen – feste Zeitpläne können den Effekt verwaschen. Plane am besten regelmäßig Zeit für MBWA ein und achte darauf, möglichst viele Teammitglieder zu treffen (nicht alle auf einmal!).
  • Nur Zuschauen hilft nicht: Sieh dich nicht als stiller Beobachter, der sich plötzlich hinter den Schreibtisch eines Mitarbeiters stellt, und so persönlichen Kontakt sucht. Rede, frage, höre zu – nur dann hat die Methode einen Effekt.
  • Verteile deine Aufmerksamkeit: Einigen Mitarbeitern mehr Aufmerksamkeit zu schenken als anderen, kann kontraproduktiv wirken. Zielstellung ist es, alle zu hören und die Wichtigkeit jedes Einzelnen hervorzuheben.
  • Lobe und wertschätze: Noch so eine Selbstverständlichkeit. Doch falls du zufällig etwas Positives entdeckst, dann erwähne dies auch – jeder hört gern Lob!
  • Kläre offene Fragen: MBWA ist keine Einbahnstraße! Nicht nur du suchst Antworten und Informationen, sondern auch das Projektteam. Falls du nicht sofort antworten kannst, achte darauf, die Antwort nachzuliefern.

Gefahren von Management by Walking Around

Ein wenig „Herumlaufen“ klingt denkbar simpel. Doch wie immer gibt es auch Gefahren, wenn das Konzept falsch angewendet wird:

  • Werde nicht zum Micromanager: MBWA bedeutet nicht, sich in alle Themen einzumischen und sie womöglich selbst lösen zu wollen. Finde stattdessen das richtige Maß: Versuche, dein Projekt zu „fühlen“ und herauszufinden, an welchen Stellen es haken könnte. Fühle dich aber nicht dafür verantwortlich, für alle der Heilsbringer zu sein.
  • Hebele Hierarchien nicht aus: Hat dein Projektteam eine komplexere Hierarchie als nur „Projektleiter und Teammitglieder“? Dann Vorsicht! Schnell fühlt sich ein Teilprojektleiter übergangen und fragt sich, wozu er überhaupt noch gebraucht wird, wenn der große Chef ja doch an ihm vorbei seine Teammitglieder führt. Manchmal ist es nur eine feine Linie, die schnell überschritten ist. Hör zu, informiere dich, gib Tipps und mache Vorschläge. Geht es aber um weitreichende Änderungen/Entscheidungen, dann ziehe besser den Teilprojektleiter mit hinzu.
  • Verkrampfe nicht: MBWA soll nicht dazu führen, dass alle Mitarbeiter zusammenzucken und die „Oh Gott, der Chef will wieder reden!“-Panik bekommen. Falls du zum Überformalisieren neigst: Sieh es nicht als ausgefeilte Technik, sondern schlicht als „Reden mit Mitarbeitern“ – nicht mehr und nicht weniger.
  • Vermeide offene Kritik: Fallen dir Unstimmigkeiten oder ernsthafte Probleme auf, die Mitarbeiter persönlich betreffen, dann suche ein separates Gespräch oder stoße eine Klärung mit dem zuständigen Team-/Teilprojektleiter an.

Fazit

Vielleicht hältst du diesen Artikel für reichlich überflüssig, schließlich bist du ständig im Kontakt mit deinem Team und fragst dich, warum solche Selbstverständlichkeiten als eine eigene Methode beschrieben werden müssen.

Klar: Viele Manager erledigen das nebenbei und aus dem Bauch heraus. Aber … nicht alle ticken so. Falls dein Team dich bisher eher als distanzierten E-Mail-Schreiber oder Leiter von Meetings kennengelernt hat: Laufe doch mal ein wenig herum und schau, was deine Mitarbeiter so tun. Tust du dies regelmäßig, wirst du erstaunt sein, was du selbst alles lernst und wie sehr auch die Mitarbeiter die Aufmerksamkeit zu schätzen wissen!

Andrea Windolph ist als freiberufliche Autorin und Trainerin tätig, konzipiert Online-Trainings und unterstützt Unternehmen bei der Planung und Umsetzung von Projekten. Seit 2014 betreibt sie das Portal „Projekte leicht gemacht“, auf dem sie fundiertes und zugleich leicht verständliches PM-Wissen vermittelt.