Benjamin Franklin-Liste

Eine Pro-Contra-Liste hast du sicher auch schon mal erstellt: Neuer Job, ja oder nein? Ist der teure Karibik-Urlaub eine gute Idee? Oder sollte die mehrjährige Weiterbildung begonnen werden? Kaum eine Methode wird so gern für Entscheidungen genutzt.

Dieser Artikel beschreibt die Grenzen dieser Liste und zeigt einen möglichen Ausweg auf – und zwar frei adaptiert von niemand Geringerem als Benjamin Franklin!

Vor- und Nachteile der Pro-Contra-Liste

Die Pro-Contra-Liste besticht durch zwei unbestreitbare Vorteile:

  • Einfachheit: Es gibt wohl kaum eine einfachere Methode als die gute, alte Pro-Contra-Liste: Ein Blatt Papier, zwei Spalten. Links die Argumente dafür, rechts die dagegen. Einfach, oder? 
  • Klarheit für den Kopf: Unser Hirn liebt es, sich in einem Wirrwarr diffuser Gedanken zu verirren. Wenn unzählige Argumente durch den Kopf schwirren, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Bereits der Prozess des Zu-Papier-Bringens kann enorm erhellend wirken.
  • Zeitliche Entzerrung: Schaffst du es, alle Argumente gleichzeitig im Kopf zu haben? Wenn ja, Glückwunsch! Vielen von uns gelingt das allerdings nur schwer. Das Aufschreiben, über einen längeren Zeitraum gibt Raum zum Denken und Ergänzen der Liste.

Aber vielleicht kennst du auch folgenden Nachteil: Deine Liste ist erstellt, eine Seite ist deutlich länger als die andere – und trotzdem fühlt sich das ganze nicht klarer an als zuvor. Was bringt es, wenn du 10 Pros hast, aber das eine Contra dir Magenschmerzen bereitet?

Falls die einfache Version der Liste nicht ausreicht, dann hilft dir vielleicht die Methode von Benjamin Franklin!

Geschichte der Benjamin Franklin-Methode

1772 bat der Theologe Joseph Priestley Benjamin Franklin um Rat, hatte er doch von dessen erfolgreicher Methode für komplexe Entscheidungen gehört. In einem Brief (https://founders.archives.gov/documents/Franklin/01-19-02-0200) beschrieb er seine Methode:

„To get over this, my Way is, to divide half a Sheet of Paper by a Line into two Columns, writing over the one Pro, and over the other Con.“

Klingt wie eine Pro-Contra-Liste, oder? Doch weil der Prozess noch ein wenig komplizierter ist, erhältst du hier die komplette Anleitung:

Ablauf der Benjamin Franklin-Methode

1. Stelle dir eine klare Frage!

Es gibt eine Vielzahl von Entscheidungsmethoden. Vorab: Diese Methode eignet sich für geschlossene Fragen, auf die du mit Ja oder Nein antworten kannst.

Gutes Beispiel: Sollte ich das neue Job-Angebot annehmen? 

Schlechtes Beispiel: Soll ich im Sommer nach Italien, an die Nordsee oder nach Rumänien fahren?

2. Ermittle Pros und Contras!

Ein logischer Schritt, den du von der Standard-Pro-Contra-Liste schon kennst: Links listest du die Vorteile auf, rechts die Argumente, die dagegen sprechen. 

Tipp von Benjamin Franklin: Nimm dir Zeit dafür, besonders wenn es um eine wichtige Entscheidung geht. Nicht alle unsere Gedanken sind zu einem gewissen Zeitpunkt präsent. Vielleicht muss die Entscheidung ja erst Ende der Woche statt heute getroffen werden? Dann verteile den Prozess ruhig über mehrere Tage. 

Hilfreiche Fragen:

  • Was hab ich davon?
  • Was gebe ich auf?
  • Worauf freue ich mich?
  • Was bereitet mir Sorgen?
  • Was ist langfristig positiv?
  • Was kann schief gehen?

3. Bewerte die Wichtigkeit der einzelnen Punkte!

Kleine Vorwarnung: Ab jetzt verlassen wir die einfache Liste und bewerten mit konkreten Zahlen. Schluss mit dem lockeren Runterschreiben, ab jetzt muss das Gehirn noch mehr rattern! Für manch einen mag ein zahlenbasierter Ansatz Schweißausbrüche verursachen, andere werden erleichtert aufatmen: Endlich was Greifbares!

Wie auch immer du tickst: In diesem Schritt stellst du dir die Frage, wie wichtig die einzelnen Punkte sind. Nutze hier beispielsweise eine Skala von 1-10, wobei 10 ein extrem wichtiger Punkt ist. 

4. Bewerte die Wahrscheinlichkeit der Pros und Contras!

Jetzt darfst du deine Glaskugel konsultieren und einen Blick in die Zukunft werfen: Wie wahrscheinlich ist es, dass die einzelnen Argumente eintreten? Auch hier kannst du Punkte von 1-10 vergeben, wobei 1 für extrem unwahrscheinlich und 10 für sicher steht. 

5. Ermittle den Wichtungsfaktor!

Zugegeben: Benjamin Franklin hat nicht genau erwähnt, wie die einzelnen Argumente gewichtet werden. Auch die beiden vorigen Schritte hat er nicht explizit erwähnt. Eine Einschätzung der Bedeutung aus Wichtigkeit und Wahrscheinlichkeit ist allerdings ein absolut sinnvoller Ansatz – also gehen wir diesen Schritt weiter. 

Nimm also jetzt deinen Taschenrechner, Kopf oder die Excel-Tabelle zur Hand und bilde die Produkte der beiden vorherigen Zahlenwerte. 

6. Streiche überflüssige Argumente!

Jetzt geht’s ans Vereinfachen! Streiche die Argumente mit der gleichen Bewertung weg. Diese mögen für sich betrachtet wichtig sein, spielen aber durch die gleiche Bewertung nicht in den Entscheidungsprozess hinein.

Achtung: Willst du hier besonders vorsichtig vorgehen, so streichst du zunächst nur die Paare, die in beiden Einzelwerten von Wichtigkeit und Wahrscheinlichkeit übereinstimmen. Ist die Liste danach noch zu lang und unübersichtlich, kannst du im zweiten Schritt die Paare eliminieren, die nur in der Gesamtbewertung übereinstimmen. Auf diese Weise werden bevorzugt die besten Übereinstimmungen gestrichen.

Beispiele: 

  • Die Argumente „Hohes Einkommen“ und „Zeitaufwändig“ wurden identisch bewertet und werden somit gestrichen.
  • Gleiches gilt für andere Argumente wie „Spannende Arbeitsaufgabe“ und „Wochenendreisen zu Eltern und Freunden“ sowie „Unternehmen macht einen guten Eindruck“ und „Die Arbeitsinhalte sind weniger anspruchsvoll“.

Benjamin Franklin geht sogar noch einen Schritt weiter:

  • Wenn die Bewertung eines Pro-Arguments zwei Contra-Argumenten entspricht, streicht er alle drei.
  • Schätzt er zwei Contra-Argumente ebenso wichtig wie drei Pro-Argumente, streicht er alle fünf. 

7. Analysiere und entscheide!

Nachdem sich ausgleichende Argumente entfernt wurden, ist es Zeit für eine abschließende Analyse:

  • Ist eine Seite deutlich länger als die andere? Das allein kann ein deutliches Indiz für die Entscheidung sein.
  • Wie ist die Wichtigkeit der Pros verglichen mit der Wichtigkeit der Contras?
  • Wie ist die Wahrscheinlichkeit der Pros verglichen mit der Wichtigkeit der Contras?
  • Wie sind die Bewertungen von Wichtigkeit und Wahrscheinlichkeit verteilt? Gibt es irgendwelche Muster?
  • Sind die negativen Punkte es wert?

Am Ende kann es sein, dass sich trotz aller Zahlen und Berechnungen, trotz langem Grübeln und Bewerten, das Ergebnis nicht „ganz richtig“ anfühlt. Herzlich willkommen, Bauchgefühl! Auch hier können dir Fragen helfen:

  • Wie ist der Gesamteindruck?
  • Gibt es irgendwelche Faktoren, die sich trotz widersprüchlicher Zahlen wichtig anfühlen?
  • Wie würde ich für jemand anderen entscheiden?
  • Wen kann ich noch fragen?

Fazit

Schon seit jeher müssen Menschen Entscheidungen treffen. Benjamin Franklin hat mit seiner Methode eine Technik für all diejenigen beschrieben, die mit einer normalen Pro-Contra-Liste an ihre Grenzen stoßen. Bei dir steht eine große Entscheidung an? Dann probier es aus! Und nicht vergessen: Am Ende kann trotz aller Analysen das Bauchgefühl entscheiden.