Für Eilige: Alles Wichtige auf einen Blick
Gastartikel
Es gibt einen Moment in fast jedem Team, den kaum jemand als das erkennt, was er ist. Die erste Begeisterung ist verflogen. Die Rollen sind irgendwie verteilt, aber niemand ist so richtig zufrieden damit. In Meetings wird es zäh. Entscheidungen ziehen sich, ohne dass man sagen könnte, warum. Und über allem liegt so ein feiner Nebel aus Gereiztheit, den keiner anspricht.
Wenn du das kennst, steckt dein Team wahrscheinlich in der Storming-Phase. Und die schlechte Nachricht ist: Viele Teams kommen da nicht mehr raus. Nicht, weil sie zu schwach wären, sondern weil sie den Konflikt, der da eigentlich hin will, konsequent unter dem Teppich halten.
Kurz zur Einordnung: die vier Phasen
Der Psychologe Bruce Tuckman hat schon 1965 beschrieben, dass Teams typischerweise vier Phasen durchlaufen, bis sie wirklich leistungsfähig werden. Kurz gesagt: Erst kommt das vorsichtige Beschnuppern (Forming), dann die Reibung (Storming), dann pendeln sich Regeln und Rollen ein (Norming), und erst danach arbeitet das Team wirklich flüssig zusammen (Performing). Wenn du die vier Phasen der Teamentwicklung im Detail nachlesen willst, findest du das an anderer Stelle gut aufgeschlüsselt.
Für diesen Artikel ist nur eine Phase wichtig, und zwar die unbequemste: Storming. Sie ist die eigentliche Bewährungsprobe. Und sie ist die Phase, in der die meisten Teams hängen bleiben.
Die Storming-Phase ist die eigentliche Bewährungsprobe. Und sie ist die Phase, in der die meisten Teams hängen bleiben.
Warum Storming kein Betriebsunfall ist
Der erste Denkfehler ist, Storming für ein Zeichen von Dysfunktion zu halten. Ist es nicht. Reibung entsteht, weil ein Team an genau dem Punkt ist, an dem es echt wird. Rollen werden verhandelt, Kompetenzen abgesteckt, unausgesprochene Erwartungen prallen aufeinander. Wer hier keinen Konflikt hat, hat meistens kein ehrliches Team, sondern nur höfliche Kolleginnen und Kollegen, die nebeneinanderher arbeiten.
Anders gesagt: Storming ist kein Bug, sondern ein Feature. Es ist der Preis dafür, dass Menschen anfangen, sich wirklich einzubringen. Ein Team, das diese Phase überspringt, überspringt sie nicht, weil es so harmonisch ist. Es verschiebt sie nur.
Der eigentliche Grund fürs Steckenbleiben
Hier kommt der Punkt, der in den meisten Team-Ratgebern fehlt. Teams bleiben nicht in der Storming-Phase stecken, weil sie zu viel streiten. Sie bleiben stecken, weil sie den Streit verwalten, statt ihn auszutragen.
Teams bleiben nicht in der Storming-Phase stecken, weil sie zu viel streiten. Sie bleiben stecken, weil sie den Streit verwalten, statt ihn auszutragen.
Das sieht dann so aus: Der Konflikt ist da, aber er wird sofort in etwas Handhabbares übersetzt. Man legt ein neues Meeting fest. Man führt ein Tool ein. Man schreibt die Zuständigkeiten noch einmal sauber auf. All das fühlt sich produktiv an, und all das umgeht das eigentliche Thema. Der Konflikt wird nicht gelöst, er wird moderiert, bis er leise genug ist, um ihn zu ignorieren.
Aus offenem Widerspruch wird so mit der Zeit etwas viel Gefährlicheres: stille Resignation. Die Leute hören auf zu widersprechen, nicht weil sie überzeugt sind, sondern weil es sich nicht mehr lohnt. Meetings werden ruhiger, und das wird als Fortschritt missverstanden. Dabei ist genau diese Ruhe oft das Warnsignal. Ein Team, das nicht mehr streitet, hat nicht unbedingt zueinandergefunden. Manchmal hat es nur aufgegeben.
Woran du erkennst, dass ihr feststeckt
- Werden in euren Meetings unbequeme Meinungen offen gesagt, oder erst danach auf dem Flur?
- Gibt es Themen, von denen alle wissen, dass sie da sind, über die aber niemand redet?
- Wird Widerspruch als normal behandelt, oder als kleine Majestätsbeleidigung?
- Wenn eine Entscheidung fällt: Tragen die Leute sie mit, oder nicken sie nur und machen dann ihr eigenes Ding?
Wenn du bei mehreren dieser Fragen zusammenzuckst, ist das kein Grund zur Panik. Es ist nur ein Hinweis, dass der Konflikt noch vor euch liegt, nicht hinter euch.
Was Teams durch die Phase bringt
Storming löst sich nicht auf, indem man es aussitzt. Es löst sich auf, indem der Konflikt bearbeitbar gemacht wird. Ein paar Hebel, die in der Praxis wirklich etwas verändern:
- Reibung normalisieren, bevor sie eskaliert. Wenn eine Führungskraft offen sagt, dass diese zähe Phase dazugehört und kein Zeichen von Scheitern ist, nimmt das enorm viel Druck. Menschen streiten leichter, wenn Streit nicht als Versagen gilt.
- Sicherheit vor Offenheit. Niemand sagt seine ehrliche Meinung in einem Raum, in dem das später gegen einen verwendet wird. Bevor du mehr Offenheit erwartest, musst du dafür sorgen, dass Offenheit ungefährlich ist. Das nennt die Forschung psychologische Sicherheit, und sie ist die Grundlage, auf der Storming überhaupt konstruktiv werden kann.
- Das Unausgesprochene aussprechbar machen. Oft reicht ein einziger Satz von der richtigen Person: „Ich habe das Gefühl, wir reden gerade um etwas herum. Sollen wir es benennen?“ Das öffnet mehr als jeder Workshop.
- Den Konflikt an der Sache halten. Sobald es persönlich wird, kippt eine produktive Auseinandersetzung in einen Grabenkampf. Die Kunst ist, hart in der Sache und weich zur Person zu bleiben, und das immer wieder aktiv einzufordern.
Der Unterschied zwischen ruhig und fertig
Am Ende läuft alles auf eine Unterscheidung hinaus, die leicht zu übersehen ist. Ein Team kann ruhig sein, weil es die Storming-Phase wirklich durchgearbeitet hat. Und ein Team kann ruhig sein, weil es aufgegeben hat, den Konflikt auszutragen. Von außen sieht beides gleich aus. Innen ist es der Unterschied zwischen einem Team, das harmoniert, und einem, das nur noch funktioniert.
Wenn du also das nächste Mal in einem Team merkst, dass es seltsam still geworden ist, stell dir die unbequeme Frage: Haben wir das geklärt, oder haben wir es nur begraben? Die Antwort entscheidet oft darüber, ob aus einer Gruppe von Einzelnen je ein echtes Team wird.









