Teamarbeit ist großartig!

Oder?

Schließlich kann in Teams deutlich mehr erreicht werden, als wenn ein Einzelner sich abstrampelt. Unterschiedliche Qualifikationen, Stärken und Schwächen sollen sich so harmonisch ergänzen, dass am Ende ein Projekt gemeinsam optimal gestemmt werden kann.

So die Theorie – und auch die Praxis.

Dennoch gibt es verschiedene Effekte, die bei Teamarbeit auftreten. Diese können – müssen aber nicht – negative Auswirkungen haben. Jeder Projektleiter sollte sich darüber bewusst sein, dass es diese Effekte gibt.

Schauen wir uns die drei Effekte einmal näher an:

Group Thinking

Als Group Thinking wird der Effekt beschrieben, dass der Einzelne in Gruppen schneller kompromissbereit ist und schneller seine eigene Meinung aufgibt. Das führt dann zu Problemen, wenn kompetente Personen realitätsferne oder schlechtere Entscheidungen treffen, die sie für sich allein nie getroffen hätten.

Group Thinking kann drei Ausprägungen besitzen:

  • Ein Teammitglied ist lediglich besonders zurückhaltend und scheut sich, seine eigene Meinung deutlich zu äußern. Die Anpassung an die Gruppenmeinung ist daher oberflächlich.
  • Ein Teammitglied hat eine eigene Meinung, wird aber tatsächlich von der (schlechteren) Meinung der Gruppe überzeugt und gibt seine eigene Meinung auf.
  • Ein Teammitglied hat aus unterschiedlichen Gründen (keine Lust, keine Zeit) keine eigene Meinung. Es wird sich automatisch der Gruppenmeinung anschließen.

Was ist das Ergebnis von allen drei Ausprägungen: Irrationale Entscheidungen oder Verhaltensweisen, die dem Projekt schaden können.

Ein extremes Beispiel für Group Thinking ist das Verhalten vieler Menschen im Nationalsozialismus oder anderen Kriegssituationen.

Gut. Wir wissen, was Group Thinking ist. Was können wir dagegen tun? Folgende Maßnahmen können je nach Projekt hilfreich sein:

  • Anonymes Feedback: Teammitglieder werden aufgerufen, anonym Rückmeldung zur Projektsituation und zu Problemen zu geben. Das kann dazu führen, dass der Einzelne seiner eigenen Meinung stärkeren Ausdruck verleiht.
  • Vorschlagsboxen: Sie eignen sich vor allem für langfristige Projekte, nicht für kurze Entscheidungen. Das Prinzip ist ähnlich wie beim anonymen Feedback.
  • Vergabe der Entscheidungsgewalt an eine ausgewählte Person: Eine Person der Gruppe wird bestimmt, eine Entscheidung zu treffen. Sie darf andere Mitglieder um Rat fragen, die Entscheidung liegt jedoch bei dem Einzelnen.
  • Bestimmung eines Teammitglieds als Advocatus Diaboli: Ein Teammitglied wird bestimmt, das sich ausschließlich darauf konzentriert, Gegenargumente zu sammeln.

All diese Maßnahmen helfen dabei, dass der Einzelne sich eine eigene Meinung bildet – und diese auch äußert.

Social Loafing

Social Loafing bezeichnet das „soziale Faulenzen“. Es zeigt sich immer wieder, dass die Leistungsfähigkeit eines Teams nicht gleichmäßig im Verhältnis zur Anzahl der Teammitglieder steigt.

Das liegt nicht nur an den steigenden Aufwänden für Kommunikation und Abstimmung. Ein Grund ist auch, dass die Leistung einzelner Teammitglieder nachlässt, sobald die individuelle Leistung nicht mehr sichtbar ist.

Social Loafing wurde ursprünglich in Mannschaftssportarten des Leistungssports beobachtet. Die Leistung eines einzelnen Ruderers oder Bahnradfahrers ist im Team nicht mehr eindeutig erkennbar. Was passiert: Die Leistung lässt beinahe automatisch nach.

Was können wir dagegen tun?

Maßnahmen gegen das Social Loafing können sein:

  • Neben Teamzielen sollten auch messbare individuelle Ziele gesetzt werden.
  • Mit der Erhöhung der Verantwortungsbereiche der Teammitglieder steigt in der Regel auch die Motivation und die Leistungsfähigkeit.
  • Die Führungskraft sollte die Teammitglieder immer wieder zu eigenen Vorschlägen animieren.

Alles klar? Dann kommen wir zum dritten der unerwünschten Gruppeneffekte.

Risk Shifting

Das auch als Risiko-Schub bezeichnete Risk Shifting bezeichnet einen Gruppeneffekt, bei dem Teams häufig risikobereiter handeln als Einzelpersonen.

Dieses Verhalten ist absolut menschlich: Vielen Menschen fällt es leichter, sich auf ein Risiko einzulassen, wenn sie die Folgen nicht allein tragen müssen.

Risk Shifting ist auch nicht immer zwingend negativ. Manchen Projekten täte es auch einmal gut, wenn auch riskante Entscheidungen getroffen werden würden. Bewusst Risiken einzugehen, kann einem stagnierenden Projekt durchaus einen gehörigen Schub verleihen.

Ziel bei diesem Effekt ist also nicht unbedingt die Vermeidung. Einem Projektleiter sollte ganz einfach bewusst sein, dass es diesen Effekt gibt und er bei der Betrachtung von Risiken und beim Treffen von Entscheidungen berücksichtigt werden sollte.

Fazit

Group Thinking, Social Loafing und Risk Shifting sind Nebeneffekte der Teamarbeit, die negative Auswirkungen auf das Projektergebnis haben können.

Allerdings sollte dieses Verhalten Teammitgliedern nicht zum Vorwurf gemacht werden: Die genannten Effekte laufen beinahe automatisch ab und sind in der menschlichen Natur verankert.

Hausaufgabe: Betrachte einmal für eine Woche dein Team und versuche herauszufinden, ob du die Effekte beobachten kannst.

Viel Spaß dabei!


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Andrea Windolph ist als freiberufliche Autorin und Trainerin tätig, konzipiert Online-Trainings und unterstützt Unternehmen bei der Planung und Umsetzung von Projekten. Seit 2014 betreibt sie das Portal „Projekte leicht gemacht“, auf dem sie fundiertes und zugleich leicht verständliches PM-Wissen vermittelt.

2 Kommentare
  1. Manfred Hurth sagte:

    Liebe Andrea,
    vielen Dank für die wertvolle Ausarbeitung dieses Themas.
    Ich arbeite mit meinen Teams transparaent und weitgehend selbstorgansisierend. d.h. die Teammitglieder bekommen z.b. diesen Deinen Artikel zu lesen und entscheiden dann, was sie für ihr Team umsetzen wollen um ihr Teamziel effektiv und motiviert zu erreichen.

    • Andrea sagte:

      Hallo Manfred,

      vielen Dank! Meiner Erfahrung nach zahlt es sich definitiv aus, Teams genau so eigenständig arbeiten zu lassen. Nicht alle Mitarbeiter können damit umgehen – doch die meisten Menschen schätzen es, selbständig entscheiden zu können.

      Viele Grüße
      Andrea

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