Für Eilige: Alles Wichtige auf einen Blick
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„Könnte zwei Tage dauern. Oder auch vier.“
Sicher sind dir auch schon einmal vage Schätzungen begegnet: Meist entstehen sie aus Wunschdenken, fehlenden Erfahrungswerten oder dem Bedürfnis, gegenüber Stakeholdern schnell eine Zahl zu liefern. Manchmal spielt auch politischer Druck eine Rolle, nach dem Motto: „Hauptsache, wir haben eine Zahl, auch wenn sie nicht stimmt.“
Das Problem klassischer und spontaner Ein-Punkt-Schätzungen: Sie blenden Unsicherheit aus und tun so, als gäbe es nur ein realistisches Szenario. Dabei können mit einem Tick mehr Aufwand Risiken sichtbar gemacht und realistischer geplant werden – und zwar mit der Drei-Punkt-Schätzung.
Was ist die Drei-Punkt-Schätzung?
Die Drei-Punkt-Schätzung ist eine Methode der Aufwandsschätzung, die mit drei verschiedenen Werten arbeitet:
- Optimistische Schätzung (O): Der Aufwand, wenn alles wie geplant läuft und keine Probleme auftreten (Best Case)
- Wahrscheinlichste Schätzung (M): Der Wert, der unter normalen Bedingungen am wahrscheinlichsten eintritt. Kleinere Probleme sind hier schon mit eingerechnet. Das „M“ steht für den englischen Begriff „Most Likely“.
- Pessimistische Schätzung (P): Der Aufwand, wenn viele denkbare Verzögerungen eintreten und nichts auf Anhieb funktioniert (Worst Case).
Statt sich auf einen einzigen geschätzten Wert zu verlassen, betrachtest du bewusst drei Szenarien. Das reduziert Scheingenauigkeit („Wir wissen doch alles!“) und macht transparent, welche Annahmen getroffen wurden. Besonders in frühen Projektphasen mit noch unscharfen Anforderungen ist dieser Ansatz deutlich robuster als eine „einfache“ Schätzung.
Die Drei-Punkt-Schätzung stammt ursprünglich aus der PERT-Methode (Program Evaluation and Review Technique) und ist bis heute ein Klassiker im Werkzeugkasten des Projektmanagements.
Die Formel
Bei der Drei-Punkt-Schätzung werden zwei Ansätze genutzt um den Schätzwert zu bestimmen, der arithmetische und der gewichtete Mittelwert.
1. Arithmetischer Mittelwert – Der einfache Einstieg
Der einfachste Ansatz ist der arithmetische Mittelwert der drei Schätzwerte:
Diese Variante ist leicht verständlich und schnell berechnet. Sie eignet sich gut, wenn:
- die drei Werte relativ nah beieinander liegen,
- die Unsicherheit gering ist,
- oder du eine grobe Abschätzung für ein kleines Arbeitspaket brauchst.
Der Nachteil: Alle drei Szenarien werden gleich gewichtet, obwohl die wahrscheinlichste Schätzung in der Realität eine deutlich höhere Eintrittswahrscheinlichkeit hat. Das führt zu einem Schätzwert, der in vielen Fällen dem pessimistischen Szenario zu viel Gewicht gibt.
2. Gewichteter Mittelwert nach PERT – Der Praxisstandard
Deutlich verbreiteter im Projektmanagement ist der gewichtete Mittelwert:
Du siehst: Hier wird der wahrscheinlichste Wert vierfach berücksichtigt. Das Ergebnis verschiebt sich bewusst in Richtung des realistischsten Szenarios. Nicht jedes Szenario ist gleich wahrscheinlich – und das sollte sich auch im Ergebnis widerspiegeln.
Der nächste Schritt: Standardabweichung und Varianz
Ein einzelner Schätzwert sagt dir, wie hoch der Aufwand wahrscheinlich ist – aber nicht, wie verlässlich diese Aussage ist. Genau hier kommen Standardabweichung und Varianz ins Spiel. Du musst weder Statistik mögen noch Formeln verstehen, um mit Standardabweichung und Varianz sinnvoll zu arbeiten. Wichtig ist nur, zu begreifen, was sie dir im Projektalltag sagen:
- Der Mittelwert beantwortet die Frage: Wie viel Aufwand ist wahrscheinlich?
- Die Standardabweichung beantwortet eine oft wichtigere Frage: Wie stark streuen die tatsächlichen Werte um den berechneten Mittelwert?
- Eine kleine Standardabweichung bedeutet: Die Aufgabe ist gut planbar.
- Eine große Standardabweichung heißt: Hier steckt Unsicherheit drin und damit auch ein Risiko, falsch zu planen.
- Die Varianz ist eine Art „Verstärkung“ dieser Aussage. Sie hilft vor allem dann, wenn du mehrere Aufgaben, Arbeitspakete oder Aktivitäten zusammenfasst.
Praktischer Einsatz der Dreipunktschätzung im Projekt
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
| Typischer Fehler | So geht’s besser |
|---|---|
| Die wahrscheinlichste Schätzung ist nur „der alte Wert aus dem Bauch heraus“ | Stelle dir bewusst die Frage: Warum ist dieser Wert wahrscheinlich? |
| Optimistisch und pessimistisch liegen zu nah beieinander | Gibt es für diese Aufgabe wirklich so wenige Risiken oder Probleme? Wenn ja, dann ist es sogar okay so! |
| Pessimistisch = Weltuntergang | In dieser Methode sollte als Worst Case keine wirkliche Katastrophe genannt werden, sondern eher eine problematische Version eines realistischen Szenarios. |
| Die Ergebnisse werden als exakte Wahrheit verkauft | Auch wenn etwas genauer hingeschaut wird: Die Drei-Punkt-Schätzung bleibt eine Abschätzung. |
Generell ein guter Anhaltspunkt: Je größer die Unsicherheit, desto mehr sollte über die Zahlen hinaus diskutiert werden.
Fazit
Gute Schätzungen brauchen wir alle, richtig? Die Drei-Punkt-Schätzung kann dich einer „guten“ Schätzung einen großen Schritt näher bringen. Indem Annahmen transparent gemacht werden, kann die Genauigkeit der endgültigen Schätzung deutlich erhöht werden. Letztlich ist nicht die Berechnung an sich der große Gewinn, sondern das strukturierte Nachdenken über optimistische, realistische und pessimistische Szenarien.










